Medienspiegel 18. Januar 2020

Medienspiegel Online: https://antira.org/category/medienspiegel

+++BASELLAND
Trotz Bundesurteil: Baselland schafft eine Flüchtlingsfamilie nicht aus – zumindest vorerst
Sicherheitsdirektorin Kathrin Schweizer setzt ein Zeichen: In einem Schreiben an den Gemeinderat von Langenbruck sichert sie einer Flüchtlingsfamilie Hilfe zu, die der Bund eigentlich seit drei Jahren ausschaffen lassen will. Die Hoffnung liegt im Herbst.
https://www.bzbasel.ch/basel/baselbiet/trotz-bundesurteil-baselland-schafft-eine-fluechtlingsfamilie-nicht-aus-zumindest-vorerst-136241016


+++ST. GALLEN
Es braucht einen sicheren Ort
In St.Gallen ist seit einem Jahr die IG Sans-Papiers am Werk – Ziel ist der Aufbau einer Anlauf- und Beratungsstelle. Der Gastbeitrag aus unserem Januarheft von Laura Cutolo und Gianluca Cavelti von der IG Sans-Papiers St.Gallen.
https://www.saiten.ch/es-braucht-einen-sicheren-ort/


+++SCHWEIZ
Nach ihrem Schmusekurs mit der SP zeigt Keller-Sutter ihr St. Galler Gesicht: Die Eiserne Lady ist zurück
Im Ständerat hatte Karin Keller-Sutter alle überzeugt. Die zuvor als Asylhardlinerin schweizweit bekannt gewordene St. Galler Regierungsrätin gab sich im Stöckli von ihrer konstruktiven Seite. Als Bundesrätin zeigt sie wieder alte Härte.
https://www.blick.ch/news/politik/nach-ihrem-schmusekurs-mit-der-sp-zeigt-keller-sutter-ihr-st-galler-gesicht-die-eiserne-lady-ist-zurueck-id15708674.html


+++MITTELMEER
Rettungsschiff ALAN KURDI verlässt Palermo Richtung zentrales Mittelmeer
Das Rettungsschiff ALAN KURDI hat am Freitagmittag den Hafen von Palermo verlassen und ist auf dem Weg ins zentrale Mittelmeer. Während des Aufenthalts in Palermo wurde die vorherige Crew abgelöst und Wartungsarbeiten am Schiff vorgenommen.
https://sea-eye.org/rettungsschiff-alan-kurdi-verlaesst-palermo/


+++JENISCHE/SINTI/ROMA
bernerzeitung.ch 18.01.2020

Transitplatz spaltet die SVP

Wileroltigen – Die einen fürchten noch mehr ausländische Fahrende. Die anderen hoffen auf eine Lösung für gebeutelte Landwirte und Gemeinden. Der Transitplatz in Wileroltigen spaltet die Gemüter in der SVP.

Sandra Rutschi

Beim Berner Stimmvolk hat der geplante Transitplatz für ausländische Fahrende einen schweren Stand. Das zeigt eine Tamedia-Umfrage (wir berichteten). Die einzige Partei, die sich offiziell gegen das 3,3-Millionen-Geschäft ausspricht, ist die SVP. Ihre Jungpartei hat erfolgreich das Referendum ergriffen. Und doch zeigt die Abstimmung im Grossen Rat, dass das Geschäft auch in der SVP Befürworter hat: 16 Leute aus der Fraktion stimmten dafür, 23 dagegen.

Bei der SVP wirft der Platz Grundsatzfragen auf. Im Zentrum steht das Prinzip der Partei, dass sich der Kanton Bern in erster Linie um seine Bürger kümmern soll, bevor er sich für die Interessen von Ausländern einsetzt. Zudem sind ausländische Fahrende meist nicht gern gesehen. In den letzten Jahren besetzten sie immer wieder Land. Die Kreditgegner kritisieren Unrat, illegales und umweltschädliches Arbeiten und lästiges Hausieren. Und sie befürchten, dass der Platz mehr ausländische Fahrende anziehen könnte.

Dabei argumentieren einige Gegner zum Teil an der Grenze zum Rassismus. Das zeigen die Schuldsprüche des Regional- als auch des Obergerichts gegen die Co-Präsidenten der Jungen SVP Nils Fiechter und Adrian Spahr wegen Rassendiskriminierung. Auslöser war eine Karikatur. Diese zeigt einen Mann, der in den Büschen seine Notdurft verrichtet, während sich ein anderer Mann im Sennenmutz die Nase zuhält. Spahr und Fiechter haben das Urteil ans Bundesgericht weitergezogen.

Die Gemeinden

Doch nicht nur die Ausländerskepsis ist eine Grundhaltung in der SVP. Sondern auch ein sorgsamer Umgang mit öffentlichen Geldern. Der Transitplatz ist etlichen Gegnern zu teuer. Und nicht zuletzt will die Partei, die Gemeindeautonomie grossschreibt, der Gemeinde Wileroltigen keinen Transitplatz gegen ihren Willen aufzwingen.

Ein SVP-Mann, der für den Kredit gestimmt hat, ist Daniel Bichsel. Der Zollikofer Gemeindepräsident ist Präsident des Gemeindeverbands (VBG) und der grossrätlichen Finanzkommission (Fiko) – von Gremien also, die zentral sind für Kernanliegen der SVP. Er betont, dass seine Haltung weder jene der Fiko noch des VBG sei. Beide Gremien haben sich nicht mit der Thematik befasst. Dennoch haben finanzielle und gemeindespezifische Aspekte den Ausschlag für Bichsels Entscheid gegeben.

«Ja, der Platz ist teuer. Aber das Kosten-Nutzen-Verhältnis in Wileroltigen ist viel besser, als es in Meinisberg der Fall gewesen wäre», sagt er. Das frühere Transitplatz-Projekt, das der Grosse Rat zurückwies, hätte 9,3 Millionen Franken und damit fast dreimal so viel gekostet wie das aktuelle. Zudem sei die Lage ideal. «Der Platz liegt an einer Transitachse, das nächste Wohnhaus ist weit weg, und die Fahrenden gelangen nur via Autobahn zum Platz. Das heisst, es gibt keinen Verkehr durch die Dörfer.»

Eine Gemeinde treffe es immer, egal, wo man den Platz einrichte. Wichtig sei ihm als VBG-Präsident, dass die Regierung die Bedingungen Wileroltigens ernst genommen und zum allergrössten Teil erfüllt habe. Etwa, dass der Platz umzäunt sein soll und dass die Gemeinde nichts mit dem Betrieb zu tun habe.

Die Landwirtschaft

Eine weitere Klientel, deren Anliegen die SVP vertritt, sind die Landwirte. Bei den Bauernvertretern im Grossen Rat zeigte sich der Graben besonders deutlich: 11 waren für den Platz, 11 dagegen. Für den Platz stimmte der oberste Berner Bauernvertreter, Verbandspräsident Hans Jörg Rüegsegger (Riggisberg). Er weibelte als Kommissionssprecher für den Platz und vertritt auch die offizielle Sprachregelung des Berner Bauernverbands für einen festen Transitplatz.

Rüegsegger hofft, dass ein fester Platz wie in Wileroltigen die Bauern entlastet. «Ausländische Fahrende haben in den letzten Jahren oft illegal Land besetzt. Das hat uns auch im Verband stark beschäftigt.» Er und Geschäftsführer Andreas Wyss waren immer wieder vor Ort, um zu unterstützen und zu vermitteln. Sie arbeiteten rechtliche Merkblätter und Musterverträge für betroffene Landwirte aus. «Dank dem neuen Polizeigesetz können Fahrende innert 24 Stunden weggewiesen werden, wenn der Kanton Bern einen festen Platz für ausländische Fahrende betreibt. Eben einen Platz, wie er in Wileroltigen geplant ist.» Sei dieser voll, so könnten die Fahrenden in andere Kantone weiterverwiesen werden.

Das Gesetz ist auch für Bichsel ein wichtiges Argument für den Platz. Allerdings muss das Bundesgericht noch entscheiden, ob der Wegweisungsartikel rechtens ist. Fahrende-Organisationen wehren sich dagegen.

«Als wir den geplanten Transitplatz in Meinisberg 2016 zurückwiesen, opponierte die SVP nicht grundsätzlich gegen einen Halteplatz. Sondern wir stellten Bedingungen. Diese wurden nun erfüllt», findet Rüegsegger. Da gelte es nun, leihzuhalten.

Für andere Bauernvertreter hingegen wiegt die Angst davor, dass der Platz noch mehr ausländische Fahrende anziehen könnte, höher. Martin Schlup (Schüpfen) begründete in der Grossratsdebatte sein Nein unter anderem damit, dass das Hausieren für die Bevölkerung so auf Dauer unzumutbar werde.

Der Verkehr

Bei der SVP ist das Dilemma offensichtlich. Doch auch auf der linken Seite des Parteienspektrums stellt das Geschäft Grundsätze infrage. Michel Seiler (Trubschachen, Grüne) stimmte zum Beispiel gegen den Kredit. «Der Block, der sonst für den ­Klima- und Kulturlandschutz kämpft, ist heute dafür, dem Verkehr und seinen Folgen mehr Platz zu schaffen und dafür Kulturland zu opfern», kritisierte er in der Debatte seine Gesinnungsgenossen. Der Platz bringe für die Kultur der Fahrenden keine Lösung. Was diese vielmehr brauche als «Planwirtschaft», sei Freiraum.

Auch in den Befürworterparteien herrscht also nicht nur Einigkeit. Zudem ist das Stimmvolk gegenüber Anliegen von Ausländern oft weniger offen als ein Parlament. Was erklären könnte, weshalb der Platz bei diesem einen schweren Stand hat.



Die Halteplätze im Kanton BernDarum geht es

Der Platz: Beim Autobahn-Rastplatz in der Gemeinde Wileroltigen sollen 36 Halteplätze für bis zu 180 ausländische Fahrende entstehen.

Die Kosten: 3,3 Millionen Franken für die Planung, plus jährlich 20000 bis 60000 Franken Betriebskosten.

Das sagt der Grosse Rat: Ja mit 113 gegen 32 Stimmen. Die Neinstimmen stammen vorab aus der SVP und BDP.

Sie wehren sich: Die junge SVP hat erfolgreich das Referendum ergriffen. Die Nein-Parole haben die SVP und der Verband Berner KMU beschlossen. Auch ein Bürgerkomitee aus Wileroltigen wehrt sich.

Das sagen die Befürworter: Laut dem Bundesgericht müssen Anliegen von Fahrenden in der Raumplanung berücksichtigt werden; mit dem Platz nimmt der Kanton Bern seine Verantwortung wahr. Der Standort Wileroltigen liegt ideal an einer Transitachse und ist nur über die Autobahn zu erreichen. Dank eines offiziellen Platzes halten die Fahrenden nicht einfach irgendwo unerwünscht. Der Bund stellt das Land kostenlos im Baurecht zur Verfügung, der Ausbaustandard wird einfach sein.

Das sagen die Gegner: Über 90000 Franken pro Halteplatz ist zu teuer. Es ist ungerecht, dass der Kanton der Gemeinde Wileroltigen den Platz aufzwingt. Auch die umliegenden Gemeinden werden belastet. Unerwünschte Landnahmen wird es weiterhin geben, weil der Bedarf viel grösser ist. Die Fahrenden sollen sich selbst organisieren, den Eigentümern einen fairen Preis bieten und sich an die Regeln von Sauberkeit und Umweltschutz halten.
(https://www.bernerzeitung.ch/news/standard/transitplatz-fuehrt-zum-wertedilemma/story/11984455)


+++GASSE
«Platzspitzbaby» erinnert an Zürichs Drogenszene der 90er-Jahre — wie sieht es heute aus?
«Die Leute konsumieren Drogen im Ausgang, privat zu Hause oder bei der Arbeit». Ein Vierteljahrhundert ist inzwischen vergangen, seit die Stadt Zürich im Februar 1995 die offene Drogenszene am Letten endgültig räumte. Wie sieht die Drogenszene heute aus?
https://www.limmattalerzeitung.ch/limmattal/zuerich/platzspitzbaby-erinnert-an-zuerichs-drogenszene-der-90er-jahre-wie-sieht-es-heute-aus-136240042


+++DEMO/AKTION/REPRESSION
Ein Regenbogen für das Grossmünster
Das Zürcher Wahrzeichen bekennt heute Farbe. Mit einer speziellen Beflaggung machen Aktivisten auf ihre Anliegen aufmerksam.
https://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/ein-regenbogen-fuer-das-grossmuenster/story/21665796
-> https://www.watson.ch/schweiz/z%C3%BCrich/499310302-demo-gegen-hass-riesige-regenbogenfahne-am-zuercher-grossmuenster
-> https://www.nau.ch/news/schweiz/riesige-regenbogenfahne-am-zurcher-grossmunster-und-demo-gegen-hass-65646942
-> https://www.toponline.ch/news/zuerich/detail/news/riesige-regenbogenfahne-am-zuercher-grossmuenster-und-demo-gegen-hass-00127424/
-> https://www.limmattalerzeitung.ch/schweiz/demonstranten-zogen-durch-zuerich-und-haengten-grosse-regenbogenfahne-ans-grossmuenster-136244623
-> https://www.zsz.ch/ueberregional/riesige-regenbogenfahne-am-zuercher-grossmuenster-und-demo-gegen-hass/story/19347060
-> https://www.landbote.ch/ueberregional/riesige-regenbogenfahne-am-zuercher-grossmuenster-und-demo-gegen-hass/story/19347060


Ein Jahr Schülerstreiks: So geht es mit der Luzerner Klimabewegung weiter
Die Luzerner Klimajugend plant für 2020 weitere Aktionen. Dabei hofft sie auf Know-how vom Frauenstreik – und will vermehrt auf dem Land punkten. Das Problem: Dort sieht man Demos gar nicht gerne.
https://www.luzernerzeitung.ch/zentralschweiz/luzern/ein-jahr-schuelerstreiks-so-geht-es-mit-der-luzerner-klimabewegung-weiter-ld.1183162?


Szenen vom Klimastreik in Lausanne: Nahkampf um ein Selfie mit Greta
Vor dem WEF in Davos war Klimaaktivistin Greta Thunberg (17) in Lausanne. Und sorgte dort für Hektik. Für ein Selfie mit der Ikone wurde gezerrt, gestossen und geschoben.
https://www.blick.ch/news/politik/szenen-vom-klimastreik-in-lausanne-nahkampf-um-ein-selfie-mit-greta-id15709268.html


«Ich habe nicht viel Verständnis für das Urteil»
Der Freispruch der Klima-Aktivisten, die in Lausanne eine CS-Filiale stürmten, sorgt für Schlagzeilen. Auch in Basel wird der Entscheid scharf kritisiert.
https://telebasel.ch/2020/01/18/ich-habe-nicht-viel-verstaendnis-fuer-das-urteil


Strafrechtsprofessor kritisiert den Freispruch der Klimaaktivisten: «Diesen Richter müsste man entlassen»
Strafrechtler Marcel Niggli kritisiert, dass sich die Justiz vermehrt für das Gute statt für das Recht einsetze. Diese Entwicklung hält er für gefährlich und erinnert ihn an das Recht im Nationalsozialismus.
https://www.bzbasel.ch/schweiz/strafrechtsprofessor-kritisiert-den-freispruch-der-klimaaktivisten-diesen-richter-muesste-man-entlassen-136240459
-> https://www.nzz.ch/schweiz/strafrechtler-niggli-kritisiert-freispruch-fuer-klima-aktivisten-ld.1534829


Dialogverweigerung? Diesen Vorwurf der Klimajugend kann die Credit Suisse nicht nachvollziehen
Sie setze auf den Dialog mit Klimaschützern, mit denen ein konstruktiver Dialog möglich sei, schreibt die CS in einer Stellungnahme. Hausbesetzungen oder Sachbeschädigungen nehme sie aber nicht hin.
https://www.luzernerzeitung.ch/schweiz/dialogverweigerung-diesen-vorwurf-der-klimajugend-kann-die-credit-suisse-nicht-nachvollziehen-ld.1186521


+++WEF
Heute zogen rund 1500 Personen durch Bern, um gegen das WEF zu demonstrieren. Thematisiert wurden die weltweiten Kämpfe in Rojava, Chile, Paris und weitere Orte. In der Innenstadt wurden Aktionen in Solidarität mit den Mapuche gemacht. Unterwegs hängte mensch an zahlreichen Orten Transparente an Dächer und Kräne. Zudem gab es in der Länggasse verschiedene Sprays und weitere Transparente gegen Aufwertung. Es war eine grosse Demo, die gezeigt hat, dass das WEF weiterhin Menschen mobilisieren kann und der Widerstand auch beim 50. Treffen in Davos notwendig bleibt.
https://www.facebook.com/InfoAGB/posts/1520776404737377



Communiqué No WEF Demo 2020

Der Widerstand lebt!
Kommenden Dienstag treffen sich in Davos Staatsoberhäupter und Wirtschaftsvertreter*innen.
Um sicherzustellen, dass alle mitbekommen, wofür das WEF und seine Besucher*innen wirklich stehen, zog heute eine Demonstration von etwa 2000 Personen durch die Innenstadt und durch die Länggasse. Dabei hinterliessen wir an verschiedenen Orten Botschaften des Widerstands. So wurden in der Altstadt einige Brunnen umdekoriert, um auf indigene Kämpfe in Südamerika, den feministischen Widerstand in Rojava und auf queerfeministische Beteiligung am Frauen*kampftag aufmerksam zu machen. Zudem stellten wir sicher, dass die Credit Suisse und die UBS, beides WEF-Partner, als die kriegstreiberischen, umwelt- und menschenfeindlichen Kräfte wahrgenommen werden, die sie sind. Wir nahmen uns dazu die Freiheit, ihre Schaufenster etwas inhaltlicher zu gestalten.
Auch die Thematik der Gentrifizierung, der steigenden Mieten und sonstigen Lebenskosten aufgrund von Immobilienspekulation und Aufwertung wurde einbezogen, indem die neu aufgewertete Migros angesprüht wurde. Wie bereits vom SonntagsBlick vom 12.1.2020. korrekt analysiert, handelt es sich hierbei um einen Klassenkampf.
Entlang der gesamten Route wurden Transparente aufgehängt, viele davon Solidaritätsbotschaften an Protestbewegungen in aller Welt.

Nur schon ein kleiner Einblick in die Besucher*innenliste des WEF ist vielsagend: Unter anderem der türkische Aussenminister Mevlüt Cavusoglu, der US Präsident Donald Trump und Angela Merkel werden in einigen Tagen nach Davos reisen.
Doch nicht nur aufgrund der einzelnen Besuchenden erhob sich heute der Protest gegen das WEF. Das Forum ist eine Marketingplattform für Nationalstaaten und Kapitalist*innen, um darüber hinwegzutäuschen, dass sie Menschen unterdrücken und ausbeuten. Logisch ist es in ihrem Interesse, wenn das WEF und die dort stattfindende Vernetzung medial thematisiert werden, statt die Kriege die sie führen. Wenn die Schlagzeilen gefüllt sind mit ihren heuchlerischen Zitaten statt mit den Protesten, die sich gegen sie erheben. Hierzu verfolgt das WEF eine Strategie, die Kapitalist*innen praktizieren, seit es Widerstand gegen sie gibt. Kritische oder sogar aufständische Bewegungen werden gezielt integriert, zum Beispiel indem Vertreter*innen von Protestbewegungen «Mitspracherechte» oder Teilhabe angeboten werden. So wurde Greta Thunberg als Aushängeschild für die Klimabewegung dieses Jahr schon zum zweiten Mal an das WEF eingeladen.
Womit sich das WEF hingegen weniger gerne profiliert, ist die massive Repression, die seit Jahren gegen Anti-WEF-Proteste ausgeübt wird, um einen reibungslosen Ablauf des neoliberalen Networkings zu gewährleisten. So wurde beispielsweise 2012 die Demo in Bern gänzlich von der Polizei verhindert, 130 Bussen wegen Landfriedensbruchs wurden verteilt. Ein Anti-WEF-Familienfest auf der Schützenmatte im Jahr 2015 wurde von einem massiven Polizeiaufgebot begleitet.
Doch wir sind zurück! Die Demonstration heute hat erneut gezeigt, dass wir uns die Strasse erkämpfen können.

Der Widerstand gegen das WEF ist ein vielfältiger – wir kommen wieder!

Tragen wir den Protest nach Zürich: Am Mittwoch, dem 22.1. alle nach Zürich in den revolutionären Block: �18:00, Ni-una-menos-Platz (früher bekannt als Helvetiaplatz) beim Denkmal der Arbeit.
https://www.facebook.com/jugendbern/posts/461801214499647?__tn__=K-R



WEF-Gegner zogen durch Bern
In Bern wurde am Samstagnachmittag gegen das WEF demonstriert. Rund 1000 Personen schlossen sich dem Protestzug an.
https://www.derbund.ch/bern/wefgegner-zogen-durch-bern/story/27576466
-> https://www.20min.ch/schweiz/bern/story/Anti-WEF-Demo-zieht-durch-Berner-Innenstadt-19290546
-> https://www.nau.ch/news/schweiz/kapitalismusgegner-protestieren-in-bern-gegen-das-wef-65646956
-> https://www.cash.ch/news/politik/kapitalismusgegner-protestieren-bern-gegen-das-wef-1464106
-> https://www.blick.ch/news/wirtschaft/newsticker-zum-wef-2020-in-davos-alle-infos-bilder-und-videos-id15691386.html
-> https://www.nzz.ch/wirtschaft/wef-proteste-gegen-weltwirtschaftsforum-in-bern-ld.1534599
-> https://www.telebaern.tv/telebaern-news/hunderte-an-anti-wef-demo-in-bern-136245126
-> https://twitter.com/PoliceBern/status/1218589423614464001
-> https://twitter.com/PoliceBern/status/1218574420777803777
-> https://twitter.com/anettselle/status/1218535757301919744
-> https://twitter.com/anettselle/status/1218547804068552704
-> https://twitter.com/anettselle/status/1218561966408634370
-> https://twitter.com/ag_bern/status/1218534433344622592
-> https://twitter.com/ag_bern/status/1218528398148063233
-> https://twitter.com/PoliceBern/status/1218522902112473093
-> https://twitter.com/ag_bern/status/1218516888994635776
-> https://anarchistisch.ch/liveticker-anti-wef-demo-bern/
-> https://revolutionär.ch/?p=4727
-> https://revolutionär.ch/?page_id=4714



bernerzeitung.ch 18.01.2020

Anti-WEF-Demo vor der Reitschule beendet

Am Samstag fand in Bern eine unbewilligte Anti-WEF-Demo statt. Die Polizei war mit einem Grossaufgebot vor Ort und hatte die Lage im Griff.

Grossauflauf an der Anti-WEF-Demo

Wer am Samstag seine Wochenendeinkäufe in Bern erledigen wollte, tat gut daran, dies vor 15 Uhr hinter sich zu bringen. Denn ab diesem Zeitpunkt versammelten sich Kapitalismusgegner aus Bern und Umgebung am Bahnhofplatz, um lautstark gegen das am Dienstag startende Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos zu protestieren.

Und es waren nicht wenige. Hatten die Anti-WEF-Demos in den vergangenen Jahren etwas an Zulauf verloren, so schlossen sich am Samstagnachmittag gegen 1000 Demonstranten zusammen, um durch die Innenstadt zu ziehen.

Polizei gibt Spielregeln per Lautsprecher durch

Anti-WEF-Demos haben in Bern Tradition. Initianten sind stets linksautonome Kreise. Für die Kundgebung liegt in der Regel keine Bewilligung von den Behörden vor – so auch am Samstag nicht. Die Kantonspolizei Bern war dementsprechend mit einem Grossaufgebot in der Stadt präsent – hielt sich jedoch im Hintergrund.

Die Vorgabe des Gemeinderats hiess offenbar: Demozug laufen lassen. Kommt es jedoch zu Sachbeschädigungen oder Gewalt, so greift die Polizei ein. Via Lautsprecher teilte die Polizei den Demonstrierenden diese Spielregeln mit.

Kurz nach 15 Uhr marschierte der Tross los. Von vorne bot sich der einkaufenden Bevölkerung ein ziemlich grimmiger Anblick. An der Spitze trugen allesamt schwarze Kapuzenpullis, über die Nase gezogene schwarze Halstücher und dunkle Sonnenbrillen. Lauthals skandierten sie antikapitalistische Hymnen.

Nicht nur gegen das Treffen der wirtschaftlichen und politischen Machtelite im Bündnerland protestierten die Demonstranten, auch gegen Faschismus im Allgemeinen, das Patriarchat und gegen die militärische Offensive der Türkei in Nordsyrien. So überraschte es nicht, marschierten auch verschiedene kurdische Gruppierungen mit.

https://podcast.newsnetz.tv/podcast/news/414583h.mp4
Anti-WEF-Demo in Bern. Video: Keystone

Zwei Stunden quer durch die Stadt

Zwei Stunden dauerte der Protestmarsch. Obwohl die Polizei mit Fahrzeugen und Personal vorab ging, um die Verkehrswege freizuhalten, musste sie immer wieder leicht umdisponieren. Denn wie auch die Bevölkerung, wusste offenbar auch die Polizei nicht, wo genau die Marschroute durchführen würde.

Nun, sie führte kreuz und quer durch die obere Altstadt und machte zum Schluss noch einen Abstecher in die Länggasse, ehe sich die Kundgebung wie üblich auf der Schützenmatte auflöste.

Unterwegs wurden massiv Rauch- und Knallpetarden gezündet. Mehrmals hielt der Demozug, so dass ein paar Vermummte Transparente an gut sichtbaren Orten aufhängen konnten – etwa an Brunnen, auf dem Baldachin oder auf dem Dach der «Welle» am Bahnhof.

Bei einer Filiale der Credit Suisse – dem derzeitigen Lieblings-Prügelknabe der Klimabewegung – klebten Aktivisten Plakate ans Schaufenster, auf denen die Bank als «War Lord» – also als Kriegsherr – bezeichnet wurde. Und in der Länggasse wurde die Migros-Filiale versprayt. Offenbar stören sich gewisse Demoteilnehmer an der «Aufwertung», welche die Migros ihrer Ansicht nach in gewisse Quartiere bringt. Die Polizei drückte beide Augen zu und griff nicht ein.

Bilanz der Polizei

Die Bilanz der Polizei: Ein brennender Container wurde durch die Berufsfeuerwehr Bern gelöscht. 3 Personen wurden in Polizeiräumlichkeiten kontrolliert. Bezüglich Migros-Sprayerei werden Ermittlungen aufgenommen. Abgesehen davon verlief die Demo friedlich. Passanten in der Stadt mussten jedoch temporäre Verkehrsbehinderungen auf sich nehmen oder sich durch dicke Rauchschwaden kämpfen.

Manche schauten dem lauten Treiben amüsiert zu, andere sichtlich genervt. «Ou, was isch de da Verruckts los?», fragte eine ältere Dame ihren Mann. «Das isch Bärn», antwortete er kurz und knapp. Auch die Polizisten, welche den Demozug begleiteten, wurden hie und da in Gespräche verwickelt. Ein älterer Passant meinte bloss zu einem Beamten: «Ihr habt eigentlich einen Scheissjob.» Der Polizist lächelte gequält. (mib)

Die Demo hat sich auf der Schützenmatte aufgelöst. Die Polizei bleibt aber präsent, wie die Kantonspolizei auf Twitter schreibt:

Bernmobil konnte gegen 17 Uhr wieder den Normalbetrieb aufnehmen:-


Liveticker:
18:50 Uhr
Brennender Container und Sprayereien

Wie die Kantonspolizei Bern am Abend auf Twitter mitteilt, wurde während der Demo wenige Sprayereien festgestellt. Die Ermittlungen dazu laufen. Weiters musste ein brennender Container von der Feuerwehr gelöscht werden. Die Polizei bleibe aber weiterhin im Einsatz, wie es weiter heisst.

17:08 Uhr
Demo beendet

Kurz nach 17 Uhr erreicht der Demozug die Schützenmatte. Dort löste sich die Demo auf.

17:01 Uhr
Demozug durch die Länggasse

Die Demonstranten zogen via Mittelstrasse durch die Länggasse. Gegen 17 Uhr marschierten sie auf der Neubrückgasse Richtung Schützenmatte. Mittlerweile begleiten auch Polizeigrenadiere den Umzug.

16:31 Uhr
Demo auf dem Weg in die Länggasse
https://cdnf.tam-cms.com/image/resize/1000,0,0,0,0,0/S596-FbmPTk/28Jh02AoKC69y-Ao2yNgx1.jpg

Gegen 16.30 Uhr geht es über den Bubenbergplatz via Schanzenstrasse Richtung Länggasse.

16:15 Uhr
Gut geschützte UBS-Filiale
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Die Polizei kennt die Feindbilder und die beliebtesten Ziele der Demonstranten: Mehrere Grenadiere schützen die UBS-Filiale Bubenbergplatz beim Loebegge.

16:05 Uhr
Demoroute quer durch die Altstadt
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Die Demoroute geht quer durch die Berner Innenstadt. Vom Kornhausplatz ging es bislang via Nägeligasse über Waisenhaus- und Bärenplatz Richtung Bundesplatz. Dort bog der Zug aber ab in die Schauplatzgasse (Bild oben). Da die Demo nicht bewilligt ist, gibt es auch keine festgelegte und kommunizierte Route. Die Polizei muss jeweils reagieren.

15:50 Uhr
Demohalt beim Kornhausplatz
https://cdnf.tam-cms.com/image/resize/1000,0,0,0,0,0/mTX1JB7OK5c/6uNiD5kd4KYAjivChpryCm.jpg

Der Demozug macht beim Kornhausplatz einen Halt. Bei der Rathausgasse klettern Vermummte auf einen Baukran und hängen ein Transparent auf: «Es gibt keinen grünen Kapitalismus»

15:47 Uhr
https://podcast.newsnetz.tv/podcast/news/414579h.mp4
Beim Anna-Seiler-Brunnen in der Marktgasse werden Pyros gezündet und linke Parolen skandiert.

15:45 Uhr
Vermummte führen Demozug an
https://podcast.newsnetz.tv/podcast/news/414577h.mp4
Eher beängstigend: Schwarzgekleidete und vermummte Demoteilnehmer führen den Umzug durch die Berner Altstadt an. Hier befindet sich der Zug in der Spitalgasse.

15:37 Uhr
Demozug in der Marktgasse
https://cdnf.tam-cms.com/image/resize/1000,0,0,0,0,0/mI2EOHSs5MQ/ANQzgtc1qe6AavHc9jWV7V.jpg

Demonstrieren statt einkaufen: Gegen 15.35 Uhr erreicht der Demozug die Marktgasse. Vorneweg die Polizei mit zwei Einsatzfahrzeugen, bereit einzuschreiten, sollte es zu Sachbeschädigungen kommen.

15:24 Uhr
Der Umzug setzt sich in Bewegung
https://cdnf.tam-cms.com/image/resize/1000,0,0,0,0,0/-dPDRSf3P4s/D3O_yqogaD2BWyYth-Nfwt.jpg

Gegen 15.20 Uhr geht es via Spitalgasse los. Kämpferische Parolen werden skandiert und Rauchpetarden sowie Feuerwerk gezündet. Die Polizei fährt voraus und macht die Verkehrswege frei für den Demoumzug

15:10 Uhr
Polizei gibt die Spielregeln durch

Vor Beginn des Umzugs durch die Stadt gab die Polizei per Megafon die Spielregeln durch. Sie werde die unbewilligte Kundgebung dulden. Sollte es allerdings zu Sachbeschädigungen oder Aufrufen zu Gewalt kommen, werde die Polizei sofort einschreiten.

15:07 Uhr
Linie 10 umgeleitet

15:05 Uhr
Rund 200 Teilnehmende

Gegen 15 Uhr versammeln sich rund 200 Kundgebungsteilnehmer auf dem Bahnhofplatz

15:36 Uhr
Linie 9 unterbrochen

14:46 Uhr
Linie 7 und 8 umgeleitet

14:45 Uhr
Linie 6 unterbrochen

14:50 Uhr
Anti-WEF-Demo in Bern

Für heute ist eine Anti-WEF-Demo in Bern angekündigt. Zwischen 15 und 17 Uhr wollen Kapitalismusgegner durch die Innenstadt ziehen und gegen das nächste Woche in Davos beginnende Weltwirtschaftsforum (WEF) protestieren. Die unbewilligte Demonstration soll um 15 Uhr beim Bahnhofplatz.

In den letzten Jahren zogen bei der Anti-WEF-Demo jeweils rund 500 Teilnehmende während rund anderthalb Stunden durch die Innenstadt. Zu erwarten sind ein grosses Polizeiaufgebot sowie vorübergehende Verkehrsbehinderungen.
(https://www.bernerzeitung.ch/region/bern/antiwefdemo-zieht-durch-berner-innenstadt/story/17089741)



Mit Kunst gegen Klimawandel in Berner Reitschule
Seit über einem Jahr geht die Klimajugend in der Schweiz auf die Strasse, um zu demonstrieren. Die Klimaaktivisten setzten sich aber auch auf künstlerische Weise für ihre Ziele ein. Die grosse Halle der Reitschule wurde kurzerhand in eine Klimahalle umfunktioniert.
https://www.telebaern.tv/telebaern-news/mit-kunst-gegen-klimawandel-in-berner-reitschule-136245140


Proteste gegen Weltwirtschaftsforum: Klima-Protest in Davos
Greta Thunberg und hunderte Aktivistin*innen reisen zum Firmen-Politik-Gipfel nach Davos. Dort wollen sie für eine bessere Klimapolitik streiten.
https://taz.de/Proteste-gegen-Weltwirtschaftsforum/!5654187/


Juso empört über WEF-Teilnahme von Sommaruga und Berset: WEF-Hickhack bei den Genossen
Der prominente Auftritt von SP-Magistratin Simonetta Sommaruga am WEF erhitzt die Gemüter der Genossen. Denn erst kürzlich hat die Parteibasis entschieden, dass SP-Politiker nicht nach Davos reisen sollen.
https://www.blick.ch/news/politik/juso-empoert-ueber-wef-teilnahme-von-sommaruga-und-berset-wef-hickhack-bei-den-genossen-id15709073.html


Als Personenschützerin, Hundeführer oder Kaderleute in Davos: Das WEF hält die St.Galler Polizei auf Trab
Der Kanton St.Gallen schickt dieses Jahr weniger Polizisten nach Davos. Doch die Belastung während des WEF hat nicht abgenommen.
https://www.tagblatt.ch/ostschweiz/wef-halt-st-galler-polizei-auf-trab-ld.1186551


+++POLIZEI ZH
tagesanzeiger.ch 18.01.2020

«Einmal musste ich aus dem Bus flüchten, weil ich erkannt wurde»

Andreas Widmer ist bei der Stadtpolizei Zürich der Spezialist für Demonstrationen der Linksautonomen. Kurz vor der Pensionierung hat er ein Buch über seine Arbeit geschrieben.

Yann Cherix

Seit 37 Jahren sind Sie Polizist, 24 Jahre davon als Spezialist für Linksautonome. Stehen Sie heute dieser Gruppierung ideologisch näher, oder ist das Gegenteil der Fall?

Sagen wir es so: Ich verstehe sie mittlerweile besser. Und auch ich bin im Privaten von den Auswüchsen des Kapitalismus betroffen, leide unter den immer höheren Mietpreisen für Wohnungen in der Stadt.

Also sind Sie nach all den Dienstjahren linker geworden?

Meine Bürokollegen witzeln, dass ich nach meiner Pensionierung Gefahr laufe, die Seite zu wechseln. So weit wird es ganz sicher nicht kommen. Mir ging es immer nur darum, die Menschen und ihre Beweggründe zu verstehen. Ich trainierte mir einen 360-Grad-Blick an, der ganzheitliches Denken fördert.

Es dürfte nicht wenige Menschen geben, die genau diese Fähigkeit einem Polizisten absprechen.

Natürlich gibt es bei uns die, sagen wir mal, Kleinkarierten. Die Polizei ist ein Spiegel der Gesellschaft, und sie ist nicht einheitlich. Schlussendlich sind wir auch nur Menschen . . .

. . . die Fehler machen. Welche haben Sie gemacht?

Einige. Leider. Vor allem zu Beginn meiner Laufbahn, als ich nach zwölf Jahren auf Streife 1996 zum unfriedlichen Ordnungsdienst wechselte.

Das heisst jene Einheiten, die den Demonstranten in Vollmontur gegenüberstehen.

Genau. Zu Beginn als Aufklärer in Zivil war ich wohl etwas übermotiviert, wollte meinen Auftrag unbedingt zur Zufriedenheit der Chefs erfüllen. Ich war sehr auf den Gegner fokussiert, habe überhaupt nicht hinterfragt, was die Demonstranten wollen, wofür sie auf die Strasse gehen. Wenn mir einer den Stinkefinger gezeigt hat, kam es schon mal vor, dass ich die Geste erwiderte. Ich habe diese Dinge zu nahe an mich rangelassen.

In Ihrem Buch «Scheiss Bullen» schreiben Sie, dass dies einem Polizisten nicht passieren darf. Er müsse durchaus etwas aushalten können.

Ja, ganz klar. Du durchläufst eine zweijährige Schulung und repräsentierst danach die Staatsmacht, dafür wirst du entlöhnt. Deine Affektschwelle muss also viel höher sein als jene eines Demonstranten, der als Privatperson wegen irgendetwas, meist etwas, das ihn zornig macht, auf die Strasse geht.

Sie waren im Einsatz, als um die Jahrtausendwende die Demos gegen das World Economic Forum (WEF) besonders heftig waren. Kamen Sie da an Ihre Grenzen?

In den ersten Stunden hatte ich damals ein mulmiges Gefühl, vor allem wegen des Pyromaterials des Schwarzen Blocks. Raketen und Ähnliches sind einfach sehr unberechenbar. Du bist aber Teil einer Einheit, die auf Befehle hört und zu funktionieren hat. Wenn es heisst, Feuer frei, dann schiesst du eben und achtest darauf, mit deinem Gummischrotgewehr nicht zu hoch zu zielen.

Keine Skrupel gehabt, um abzudrücken?

Nein. Wir konnten aus Selbstversuchen in der Polizeischule die Wirkung der Geschosse ziemlich gut einschätzen.

Trotzdem kommt es immer wiederzu Unfällen. Vor Jahren verlor bei einer Berner Demo ein junger Mann dabei ein Auge.

Das ist sehr bedauerlich und zeigt nur, dass Gummischroteinsatz nur das allerletzte Mittel sein darf.

Den Vorwurf, dass die Polizei zu schnell zu solchen Mitteln greift, gibt es aber seit Jahren. Gerechtfertigt?

Ich kann dazu keine Pauschalantwort geben. In gewissen Momenten, wenn Vermummte randalierend durch die Strasse ziehen, kann die Polizei gar nicht anders, als zurückzuschiessen. Aber oberstes Gebot muss zuerst die Deeskalation sein. Immer.

Wie gelingt das?

Ganz wichtig ist zuerst einmal, die aktuelle Situation richtig einschätzen zu können. Dafür braucht es Informationen. Mit wem hat man es zu tun? Was wollen sie? Welche Gruppierungen sind sonst noch vor Ort? Und dann sucht man das Gespräch.

Sie reden dann also mit einem Vermummten, der gerade daran ist, einen Stein zu werfen?

Nein, natürlich nicht. Man muss sich da nichts vormachen. Militante Kreise sprechen nicht mit der Polizei. Für die sind wir Schergen des Unrechtsstaates. Aber es gibt durchaus auch andere, Gemässigtere. Einzelne kann man ansprechen. Und sei es nur, um eine wichtige Information der Polizei dem militanten Zirkel zukommen zu lassen.

Wie erfolgreich sind Ihre Bestrebungen zur Deeskalation?

Es gab viele Situationen, die wir entschärfen konnten, in denen ein würdiger Dialog möglich war. Aber das gibt natürlich keine Schlagzeilen. Manchmal ist auch einfach Rückzug die beste Lösung.

Wann?

Beim Frauentag im März 2018 zum Beispiel. Die wollten partout nicht reden mit uns. Und die gemässigteren Demonstrantinnen hatten an diesem Tag keinerlei Einfluss auf den Umzug. Das muss man dann akzeptieren. Pragmatische Lösungen sind auch bei illegalen Partys gefragt. Ab einer gewissen Grösse muss ein Abbruch mitten in der Nacht gut überlegt sein. Ich kann den Ärger bei den Jungen verstehen. Wer hat es schon gerne, wenn die Party plötzlich vorbei ist?

Die Klimajugend erobert die Strasse. Wie gehen Sie mit dieser neuen Bewegung um?

Ich habe grosses Verständnis für deren Anliegen. Als Junger wäre ich da wohl selbst mitgelaufen. Aus Polizeisicht muss ein solcher Umzug, der ja aus vielen Schülerinnen und Schülern besteht, ganz anders begleitet werden, zurückhaltender, denke ich. Deshalb war die Devise, sie laufen zu lassen, sicherlich ein guter Ratgeber.

Diffiziler gestaltet sich das Verhältnis mit Fussballfans. Immer wieder werden Fälle bekannt, in denen normale Fans Polizeigewalt erleben. Warum lässt sich das nicht anders regeln?

(seufzt) Die Politik verlangt von uns, die Bösen zu eruieren. Also die gewaltbereiten Hooligans zu fassen. Aber oftmals ist das extrem schwierig, die Gruppierungen vermischen sich, reisen gemeinsam an. Darum kommen immer wieder mal die sogenannt normalen Fans unter die Räder.

Ich als Fan muss also damit rechnen, vor oder nach einem Spiel von Gummigeschossen getroffen zu werden? Oder stundenlang eingekesselt zu werden?

Sie sprechen die Einkesselung Hunderter FCZ-Fans auf dem Albisriederplatz an, dem 2014 sogar ein juristisches Nachspiel folgte. In diesem Fall ist meine Meinung: Das war nicht ideal. Mit dieser Aktion haben wir uns bei vielen Menschen einiges verspielt. Jemand, der das erleben musste, sieht den Polizisten das nächste Mal als Feind. Gewalt löst Gegengewalt aus. Das ist eine Spirale, die sehr schwierig wieder zu durchbrechen ist.

An gewissen Demonstrationen hat man aber das Gefühl, dass es eigentlich gerade darum geht: Gewalt, Randale. Polizei und Gegenseite bekämpfen sich beinahe lustvoll.

Ja, manchmal ist es wirklich wie Räuber und Poli. Für die anderen steht die Polizei dann für alles Böse, die man anspucken, beschimpfen kann.

Wie hält man das aus?

Da muss man abstrahieren können. Wir sind Blitzableiter. Aber eine dicke Haut brauchst du schon. Sonst gehst du kaputt. Ausgleich ist ganz wichtig.

Wie gleichen Sie aus?

Ich geh in die Natur, treibe Sport, ich male. Da kann ich gut abschalten.

Es gab aber Zeiten, in denen das kaum gelingen konnte. Sie gerieten ins Visier von Linksextremisten.

Ja, das war nicht einfach, vor allem, als meine beiden Kinder noch klein waren. Mein PC wurde mehrmals gehackt, ich bekam wüste SMS. Einmal musste ich sogar aus dem Bus flüchten, weil ich erkannt wurde.

Zweifelten Sie in diesen Momenten an Ihrer Jobwahl?

Natürlich. Aber ich bin in einfachen Verhältnissen auf einem Bauernhof aufgewachsen. Eine gewisse Robustheit wurde mir in die Wiege gelegt. Und ich selbst hatte ja nie jemanden körperlich angegriffen und nach meinem Dafürhalten keine eklatanten Entgleisungen begangen. Ich ging einfach davon aus, dass mir das angerechnet wurde. Und ich hatte für den äussersten Fall dieses Mandala an meine Hausfassade gemalt. Ein Feng-Shui-Zeichen zur Abwehr böser Kräfte.

Sie glauben an solche Dinge?

Na ja, passiert ist jedenfalls nichts.

In den letzten Jahren nahm Gewalt gegen Polizisten im Einsatz zu. Selbst Sanitäter werden zuweilen angegriffen. Ist Ihre Arbeit gefährlicher geworden?

Blaulichtorganisationen sind für gewisse Personen ein Feindbild, ja. Im Zusammenspiel mit übermässigem Alkoholkonsum kann es speziell in der Nacht für uns gefährlich werden. In solchen Situationen ist Deeskalation gefragt. Eine einzelne Geste, ein Satz kann das Ganze in eine Richtung kippen lassen. Wenn ich angepöbelt, als Scheissbulle bezeichnet werde, hilft mir oft die direkte Anrede. «Schau mir ins Gesicht!» So werde ich von einem anonymen Polizisten zum Menschen.

Aber nicht zum Kumpel.

Ja. Man muss da schon aufpassen, dass das nicht anbiedernd rüberkommt. Ich habe schon mehrere Leute vor Gericht gebracht. So schliesst man keine Freundschaften, das ist klar. Aber immerhin habe ich gezeigt, dass ich keinen Seich erzähle, nichts dazufanta­siere. Glaubwürdigkeit ist für jemanden in meiner Funktion zentral.

Sie lassen sich im Frühling mit 60 Jahren frühpensionieren. Die diesjährige Ausgabe des WEF wird Ihre letzte sein. Werden Sie die Action vermissen?

Am Samstag gehts ja in Bern mit einer Demo der WEF-Gegner los. Es stehen spannende Tage an. Aber danach ist dann gut. Ich bin in meinem Leben genügend angeprangert worden. Es ist Zeit, das Bild zu drehen.



Polizist, Maler und Versteher der Linksautonomen

Der Bauernsohn und gelernte Maler trat 1982 in den Polizeidienst ein. Nach zwölf Jahren auf Streife wechselte er zum Spezialdienst (Ex-Geheimdienst KK3) der Stadtpolizei Zürich. Heute ist Widmer in Bezug auf die linksautonome Szene der Spezialist, zudem Aufklärer an Demos. Vor kurzem hat der zweifache Vater das Buch «Scheiss Bullen» (Giger) herausgebracht. Im Frühling geht er mit 60 Jahren in Frühpension. (cix)
(https://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Einmal-musste-ich-aus-dem-Bus-fluechten-weil-ich-erkannt-wurde/story/15020514)


+++RECHTSEXTREMISMUS
Shitstorm um Sexfantasie mit Klima-Aktivistin
Ein SVP-Kantonsrat reagierte auf einen Post, in dem die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer Opfer von Sexfantasien wird. In den sozialen Netzwerken ist die Entrüstung gross.
https://www.20min.ch/schweiz/news/story/Shitstorm-um-Sexfantasie-mit-Klima-Aktivistin-21936061


So ekelhaft & sexistisch äußern sich Rechte über Luisa Neubauer
Kritik an rechten, sexistischen Fantasien im Netz
https://www.volksverpetzer.de/social-media/rechte-neubauer-sexismus/