Medienspiegel 8. Juni 2024

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+++GASSE
Tag der offenen Tür in den Zuger Notzimmern
https://www.srf.ch/audio/regionaljournal-zentralschweiz/stoos-schwinget-und-slowup-gehen-aneinenander-vorbei?id=12604274
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+++RECHTSEXTREMISMUS
Neue NSU-Spur in die Schweiz: War sie die heimliche Geliebte des Nazi-Terroristen?
Rechtsterroristin Beate Zschäpe behauptet, ihr Komplize habe im Kanton Zürich ein Doppelleben geführt. Daraufhin durchsuchten Ermittler die Wohnung von Julia G.
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+++VERSCHWÖRUNGSIDEOLOGIEN
derbund.ch 08.06.2024

QAnon in der Schweiz: Schweizer Ex-Banker ruft zum Mord an Juden und Bundesrat auf

Pascal Najadi hatte ein imposantes Leben. Dann kamen der Mord an seinem Vater und Corona. Heute verbreitet er als «John F. Kennedy» Lügen an Hundert­tausende. Was ist passiert?

Anielle Peterhans

Kampfflugzeuge, schiessende US-Marshals, aufsteigende Feuerballen zu dramatischer Musik. Dazu die Worte: Die Juden seien die bald «ausgelöschten abgesandten Satans». Das vor wenigen Tagen erschienene Video auf der Plattform Rumble wird unterzeichnet mit: «Sincerely, JFK» – John F. Kennedy. Es wurde bis dato 639’000 Mal angeschaut.

Der Verfasser dieser Zeilen hält sich tatsächlich für den 1963 ermordeten ehemaligen US-Präsidenten Kennedy. Pascal Najadi, ein heute in der Schweiz lebender britisch-schweizerischer Doppelbürger, war bis vor kurzem ein frühpensionierter Investmentbanker. Er sprach in Westschweizer Medien über die Ukraine, auf Online-Portalen über Bitcoins oder in einer amerikanischen Talkshow mit Millionenpublikum über das «korrupte WEF».

Noch im letzten Jahr verfasste er zweimal Artikel für die «Weltwoche» und zuvor auch mehrmals für das Portal Inside Paradeplatz. Zudem hat er sich als Filmproduzent einen Namen gemacht: Seinen grössten Erfolg feierte er im Jahr 2006 mit dem Film «Grounding», der den Untergang der Swissair thematisiert.

Corona war der Knackpunkt

Auch Najadis Leben könnte verfilmt werden. Heute ist Najadi Anhänger der QAnon-Verschwörungstheorie. Im Mittelpunkt dieser Verschwörung steht der Endkampf zwischen Gut und Böse, ein «Deep State» und Trump als Erlöserfigur, der gegen eine geheime Elite aus mächtigen Linken wie Hillary Clinton oder Joe Biden, Superreichen wie Bill Gates oder George Soros oder, wie im Fall Najadi, gegen «die Juden» kämpft.

Katalysator dieses Verschwörungsglaubens war beim Schweizer allem Anschein nach die Corona-Pandemie. So sieht Najadi in Genf – als Hauptsitz internationaler Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation WHO – «den Teufel». In zahlreichen Videos und Interviews äussert er sich diskriminierend über Menschen jüdischen Glaubens und ruft wiederholt öffentlich dazu auf, Israel «auszulöschen» und Schweizer Regierungsmitglieder «hinzurichten».

Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) warnt vor den Auswirkungen des von Najadi verbreiteten Antisemitismus. Das Bundesamt für Polizei, Fedpol, schreibt auf Anfrage, dass es «Kenntnis von dem erwähnten Fall» habe. Aus «taktischen und sicherheitsrelevanten Gründen» wolle es sich nicht konkret äussern.

Wie kam es so weit? Und wie ist es möglich, dass ein Mann in der Schweiz solchen Hass verbreiten kann, ohne gestoppt zu werden?

Banker, Manager – eine beeindruckende Laufbahn

Der heute 56-Jährige wuchs in einer schweizerisch-persischen Familie in Luzern auf, zog nach Genf und beriet als Investmentbanker in London Topmanager auf EU-Ebene. Er lebte unter anderem in Moskau, Singapur und Vietnam. Pascal Najadi ist der Sohn des Ende Juli 2013 in Kuala Lumpur erschossenen Bankers Hussain Najadi.

Sein Vater hatte die «AmBank» gegründet, eine der grössten Banken Malaysias. Daher findet Najadi auch Erwähnung im 2023 erschienenen Buch des ehemaligen Petrosaudi-Direktors Xavier Justo und dessen Frau Laura. Der Genfer Justo hatte 2015 der britischen Journalistin Clare Rewcastle Brown rund 227’000 vertrauliche Firmendaten seines früheren Arbeitgebers übergeben, die mutmasslich korrupte Geldflüsse zwischen dem malaysischen Staatsfonds 1MDB und dem Genfer Unternehmen Petrosaudi belegen sollten.

Najadi äusserte nach dem Tod seines Vaters die Vermutung, dass dieser von den illegalen 1MDB-Finanzgeschäften gewusst haben musste und deshalb ermordet wurde. Justo schreibt in seinem Buch, dass er 2016 deshalb mit Pascal Najadi gesprochen habe. Bei einer kurz darauf in Genf stattfindenden Pressekonferenz mit Laura Justo und der Journalistin Clare Rewcastle Brown prangerte Najadi an, dass der Tod seines Vaters nie richtig aufgeklärt worden sei.

Dann zeigt er Alain Berset an

Dann wird es über Jahre ruhig um Najadi. Bis er während der Pandemie wieder vermehrt an die Öffentlichkeit tritt. Najadi, der zuvor laut eigenen Aussagen der Schweizer Regierung vollumfänglich vertraut hat, spricht in alternativen Medien von einem «Erwachen». Ausschlaggebend war – wie für viele Skeptikerinnen und Skeptiker zu jener Zeit – die Aussage von Pfizer-Managerin Janine Small im EU-Parlament im Oktober 2022. Sie erklärte, dass der Corona-Impfstoff vor der Marktzulassung nicht darauf getestet wurde, wie gut er die Virusübertragung hemmt. In der Skeptikerszene wurde dies als Geständnis interpretiert, dass die Argumentation für eine Corona-Schutzimpfung auf einer «Lüge» beruhe.

Das sieht auch der dreifach mit Pfizer geimpfte Najadi so und erstattet Anzeige gegen den damaligen Gesundheitsminister Alain Berset wegen Amtsmissbrauch. Mehrere grosse Medienhäuser berichten. Berset soll gegenüber dem Schweizer Fernsehen gesagt haben, dass man mit dem Zertifikat zeigen könne, dass man nicht ansteckend sei – was nachweislich nicht stimme, argumentiert Najadi. Laut eigenen Aussagen reicht er zur Klage gegen Berset in New York eine Zivilklage gegen Pfizer am New York State Supreme Court ein.

Die Anzeige gegen Berset mündet in einer Nichtanhandnahme. Das heisst, dass die Staatsanwaltschaft keine Ermittlungen aufnimmt.

Kettenrauchend, Cola trinkend und im Anzug

Najadi, der sich häufig kettenrauchend, Cola trinkend und im Anzug zeigt, nutzt die Aufmerksamkeit, die ihm zuteilwurde. Er bespielt beinahe täglich mehrere Twitter-Accounts sowie Telegram-Kanäle, macht Podcasts und ist insbesondere auf der Videoplattform Rumble aktiv. Zudem sammelt er Geld für seine angebliche Klage gegen Pfizer. Er behauptet, er trage eine «tickende Zeitbombe», eine «Biowaffe», in seinem Körper. Die Ärzte, die die Impfung verschreiben, seien «Kriminelle». Solche und ähnliche Aussagen verschaffen ihm Zehntausende von Followern in der staatskritischen Szene. Einzelne Beiträge von ihm werden hunderttausendfach geklickt.

Seit Anfang 2024 verschärft Najadi die Rhetorik. Er behauptet nun, im Auftrag der US Space Force zu handeln, einem 2019 von der Trump-Regierung eingerichteten US-Militärzweig. Gelegentlich trägt er in Interviews sogar deren Jacke und veröffentlicht Videos mit deren Logo. Er erklärt, dass sich die Welt in einem «von den USA geführten weltweiten Verteidigungskrieg» namens #Storm befinde, in dem der ehemalige Präsident Donald Trump sein «Commander in Chief» sei. In diesem «Krieg» würden angeblich «Millionen von Menschen», insbesondere korrupte Regierungsmitglieder, Journalisten und das Gesundheitspersonal, das die Impfung verabreichte, ermordet.

Auf Anfrage dieser Redaktion wiederholt Najadi solche Aussagen, hetzt erneut gegen Menschen jüdischen Glaubens, und er schickt mehrere Gesetzesartikel aus den USA mit. Er schreibt von einer angeblichen US-Space-Force-Adresse aus, die mit «JFK» beginnt: «Sie wissen, dass Sie unter unserer vollen militärischen Kriegsbefugnis des Präsidenten stehen, der die Presse kontrolliert und zensiert», schreibt er dieser Redaktion auf Englisch. Auch diese E-Mail werde von der Space Force überwacht. Erneut schreibt er am Schluss: «Sincerely, John F. Kennedy, früher auch bekannt als Pascal Najadi».

QAnon in den USA und der Schweiz

Sektenexperte Georg Otto Schmid sagt, Najadi vertrete die typischen QAnon-Lehren. Die QAnon-Verschwörungstheorie übe eine Anziehungskraft auf Menschen aus, die den Medien und der Wissenschaft misstrauten und sich selbst für etwas Höheres berufen fühlten, sagt Schmid. «Nun hält er sich ja sogar für Kennedy – was schon viele vor ihm taten.»

Von dem Verschwörungsmythos sind im Geburtsland USA 15 bis 20 Prozent der US-Bevölkerung fest überzeugt. In der Schweiz zeigte eine Studie der Universität Basel von 2022, dass ungefähr jeder Zehnte fest an eine Verschwörungstheorie glaubt. Besonders die Idee eines «Deep State», einer geheimen Elite im Untergrund, die Kinder missbrauchen soll, habe sich auch in Europa breitgemacht, erklärt Sektenexperte Schmid.

Die Anfänge der QAnon-Bewegung finden sich in den USA und gehen auf einen panischen Post von Ende Oktober 2017 zurück. Ein User namens «Q clearance patriot», kurz Q, sagte auf der Internetplattform «4chan» Massentumulte voraus. Der Beitrag nahm auf ein Treffen des damaligen Präsidenten Donald Trump mit hochrangigen Mitgliedern des Militärs im Weissen Haus Bezug, welches «Q» als die «Ruhe vor dem Sturm» bezeichnete.

«Q» wechselte bald zur Plattform «8kun», die oft wegen rechtsextremer, rassistischer und misogyner Inhalte kritisiert wird.

Die Verschwörungstheorie hat während der Corona-Pandemie zunehmend Aufschwung erhalten – auch in der Schweiz. Und hat sich seither auch ohne den User «Q» verselbstständigt. In den USA wuchs sie gar zu einer politischen Kraft der Ultrarechten, die in der Vergangenheit bewies, dass deren Anhängerinnen und Anhänger Gewalt als legitimes Mittel zur Durchsetzung eigener Ziele betrachten. Stellvertretend sind die Ereignisse beim Sturm auf das Kapitol in Washington am 6. Januar 2021: QAnon-Anhänger waren in der vordersten Reihe mit dabei.

2022 fanden ein Schweizer Start-up und ein französisches Forschungsteam unabhängig voneinander heraus, dass hinter den Posts von «Q» ein amerikanischer Webadministrator namens Ronald Watkins und ein südafrikanischer Journalist und Rechtsaktivist namens Paul Furber stecken könnten. Die Anhängerinnen und Anhänger von «Q» interessierten sich dafür allerdings wenig.

Präsidentschaftskandidat Donald Trump hat sich bis heute nicht von der Bewegung distanziert. Im Gegenteil: In der Vergangenheit wiederholte Trump Beiträge und Videos der Anhängerschaft auf Twitter. Sektenexperte Georg Otto Schmid: «Wenn Trump wiedergewählt wird, könnte das der QAnon-Verschwörung neuen Aufschwung geben. Auch hierzulande.»

Najadis Aussagen sind «purer Antisemitismus»

Von der Corona-Desinformation zur Angst vor dem «Great Reset», dem Umbau der Gesellschaft durch «die da oben» – diesen Weg scheint auch Pascal Najadi durchgemacht zu haben. Wobei er die Impfung immer wieder als Teil des Plans der «Satanisten» und die WHO als Teil der «geheimen Elite» darstellt.

Besonders brisant: Najadi sticht mit seinen extrem antisemitischen Botschaften heraus. In einem kürzlich auf Rumble hochgeladenen Video markiert er verschiedene Wissenschafterinnen, Politiker und Wirtschaftsführer mit dem Judenstern. Er legt Schiessgeräusche über die Bilder der Personen und lässt sie dann per Animation quasi in sich auflösen. Die Message dahinter ist klar.

Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) kennt Pascal Najadi seit Beginn der Corona-Pandemie. Dass er sich so radikalisiert hat, war ihnen aber noch nicht bewusst. «Das, was er sagt und verbreitet, ist purer Antisemitismus», sagt Generalsekretär Jonathan Kreutner.

Die grosse Gefahr gehe nicht unbedingt von Najadi selbst aus, sondern von seinen Anhängerinnen und Anhängern. «Es braucht nur eine Person, die sich von den Botschaften angesprochen fühlt und zur Tat schreitet», warnt Kreutner. Die Tatsache, dass ein 15-jähriger Täter aus Zürich im März einen orthodoxen Juden angegriffen hat und sich dabei auf den IS berief, verdeutliche die Gefahr. Die Behörden müssten aktiv werden.

Auch die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) betont, dass einige Äusserungen von Najadi strafrechtlich relevant sind und gegen die Diskriminierungsstrafnorm verstossen könnten. Es sei Aufgabe der Staatsanwaltschaft, dies zu überprüfen. Die Geschäftsführerin der EKR, Alma Wiecken, sagt: «Würden uns über unsere Meldeplattform Report Online Hate Speech solche strafrechtlich relevanten Inhalte gemeldet, würden wir eine Anzeige erstatten.» Über die Plattform für rassistische Online-Hassrede wurden der EKR im Jahr 2023 insgesamt 191 rassistische Inhalte gemeldet.

Verstösse gegen die Antirassismusstrafnorm sind in der Schweiz eigentlich Offizialdelikte. Wenn die Polizei oder die Staatsanwaltschaft Kenntnis vom Fall haben, müssen sie von Amtes wegen aktiv werden. Verantwortlich ist jeweils die Behörde des Ortes, in dem die mutmassliche Straftat verübt wurde. Nur: In Interviews sagt Pascal Najadi manchmal, er befinde sich in Genf, dann ist er angeblich in den USA oder an einem Ort, der nicht genannt werden dürfe.

Fedpol oft machtlos

Kann der genaue Tatort nicht ermittelt werden, wie es im Internet häufig der Fall ist, sind die kantonalen Behörden des Wohnortes verantwortlich. Recherchen zeigen, dass Pascal Najadi seinen Wohnsitz im Wallis haben könnte. Die zuständige Generalstaatsanwältin Béatrice Pilloud teilt auf Anfrage jedoch mit, dass bisher noch keine Akte zu Najadi angelegt wurde.

Online-Hassrede war Ende 2023 Thema eines Berichts des Bundesrates auf ein Postulat der Sicherheitspolitischen Kommission des Ständerates. Im Bericht warnt der Bundesrat, dass Hassrede den Zusammenhalt und die öffentliche Sicherheit demokratischer Gesellschaften gefährde und zur Radikalisierung von Individuen beitrüge. «Hass online kann in Gewalt offline umschlagen oder zumindest die Schwelle für Gewalttaten senken», heisst es.

Auf Anfrage betont das Fedpol, dass es die Entwicklung zur Hassrede auf Social Media «aufmerksam verfolgt». Da sich aber die Daten in der Regel auf ausländischen Servern befinden, erhalte die Frage der Rechtsdurchsetzung eine internationale Dimension, schreibt eine Sprecherin. «Die Aussicht auf eine erfolgreiche Strafverfolgung wird damit stark minimiert.»



QAnon-Begriffe

Pascal Najadi benutzt häufig den Hashtag #WWG1WGA (Where we go one we go all), was sinngemäss für «Einer für alle, alle für einen» steht und das Motto der QAnon-Bewegung ist. Der Begriff «Sturm» steht innerhalb der Bewegung für den Zeitpunkt, an dem ihrer Meinung nach prominente Persönlichkeiten und Politiker verhaftet würden. Najadi nutzt auch den Hashtag «Semper Supra» – lateinisch für «immer oben», den offiziellen Marsch der US Space Force. Die Space Force ist, seit Trump wiedergewählt werden könnte, in die QAnon-Verschwörungstheorie verstrickt. Sie soll Trump angeblich bei seiner Rückkehr an die Macht unterstützen. Die Bewegung behauptet auch, geheime Informationen über die Anschläge des 11. September, den Tod von Lady Diana sowie über John F. Kennedy und dessen Sohn zu haben. Viele Anhänger glauben nämlich, dass John F. Kennedy einer Verschwörung zum Opfer fiel. (anp)
(https://www.derbund.ch/qanon-schweizer-ex-banker-ruft-zum-mord-an-juden-und-bundesrat-auf-727772628507)