Medienspiegel 21. August 2022

Medienspiegel Online: https://antira.org/category/medienspiegel/

+++BERN
Solidaritäts-Anlass für ukrainische Flüchtende in Nidau
An einem Solidaritäts-Anlass in Nidau wird ukrainische Musik gespielt. Für die Geflüchteten aus der Ukraine ist es eine Geste, die viel Freude haben an der Musik aus der Heimat. Die Stadt am Bielersee stellt die nächsten Tage bei dieser Aktion die ukrainische Kultur ins Zentrum.
https://tv.telebaern.tv/telebaern-news/solidaritaets-anlass-fuer-ukrainische-fluechtende-in-nidau-147609222


+++LUZERN
Es drohen Bussen: Entlebuch sucht krampfhaft nach Flüchtlings-Unterkünften
Der Kanton Luzern nimmt die Gemeinden bei der Suche nach Notunterkünfte für geflüchtete Personen aus der Ukraine in der Pflicht. Im Entlebuch herrscht ein grosser Mangel – das könnte teuer werden.
https://www.zentralplus.ch/gesellschaft/entlebuch-sucht-krampfhaft-nach-fluechtlings-unterkuenften-2433063/


+++ZÜRICH
Mögliche Flüchtlingswelle beunruhigt Asylorganisation Zürich (ab 05:07)
https://www.srf.ch/audio/regionaljournal-zuerich-schaffhausen/100-tage-im-amt-wie-ist-es-simone-brander-ergangen?id=12241788


+++SCHWEIZ
NZZ am Sonntag 21.08.2022

Schutzstatus S: Anna will in der Schweiz bleiben

Wie soll es mit den ukrainischen Flüchtlingen weitergehen? Für die Betroffenen ist eine Perspektive wichtig, doch der Bund möchte sich nicht festlegen. Derweil kommen die Gemeinden an den Anschlag.

Mirko Plüss

Es sind keine Erklärungen nötig, wenn Anna Sidorenko von ihrem Heimatort erzählt. «Bei Saporischja, Sie wissen schon», sagt die 34-Jährige. Die Augen der Welt sind auf das dortige Kernkraftwerk gerichtet, welches die russische Armee seit Monaten besetzt hält. Eine Rückkehr in den umkämpften Südosten der Ukraine, ob in einigen Monaten oder Jahren, kann sich Anna Sidorenko nicht vorstellen. «Zurück in der Ukraine habe ich keinen Job, kein sicheres Zuhause und keine Perspektive für mein Kind.»

In der Schweiz hat sie das alles. Ihr dreijähriger Sohn besucht in Ennetbaden die Kita, sie arbeitet 100 Prozent in einer Zürcher Firma, hilft bei der Produktion von Mikrochips. Ihr Mann, der während des Kriegsausbruchs als Lastwagenfahrer in Westeuropa war und deshalb nicht in die Armee einrücken musste, lernt Deutsch. Sidorenko ist dankbar, dennoch quält sie die Unsicherheit. Wie Zehntausende andere Geflüchtete aus der Ukraine beantragte sie den Schutzstatus S. Der ist bis März 2023 befristet. Wie geht es danach weiter?

Verunsicherte Firmen

Am kommenden Mittwoch ist der Krieg ein halbes Jahr alt. Der kurz nach Kriegsausbruch eingeführte Schutzstatus S ermöglichte eine kollektive, unbürokratische Aufnahme für mittlerweile mehr als 60 000 Personen. Die Betroffenen haben viele Vorteile: Sie müssen kein Asylverfahren durchlaufen, können Familienangehörige nachziehen, erhalten Sozialhilfe und dürfen arbeiten.

Allerdings gibt es auch Unsicherheitsfaktoren. Der Status ist rückkehrorientiert, bietet nur vorübergehenden Schutz ohne permanentes Bleiberecht. Für eine junge Familie, die sich eine Existenz in der Schweiz aufbauen möchte, ist das nicht gerade beruhigend. Sidorenko sagt: «Ich würde alles tun, um länger bleiben zu können.»

Andere Flüchtlinge äussern sich im Gespräch ähnlich, wünschen sich mehr Planbarkeit – und sind damit nicht allein. Auch die Schweizer Arbeitgeber teilen ihr Anliegen. Laut einer Umfrage des Arbeitgeberverbands hält der befristete Status viele Firmen davon ab, ukrainische Flüchtlinge einzustellen. «Eine langfristige Perspektive würde die Unternehmen animieren, die Integration voranzutreiben», sagt Arbeitgeber-Präsident Valentin Vogt. Die Hälfte der Ukrainer in der Schweiz ist erwerbsfähig, davon hat nur jeder zehnte einen Job.

Auch aus Sicht der Kantone wird der Schutzstatus zunehmend zu einem Unsicherheitsstatus. Die kantonalen Sozialdirektoren verlangten vom Bundesrat im Juli, dass er nach den Sommerferien eine Strategie präsentiert. Den Status S verlängern oder aufheben? Zur Diskussion stehen auch individuelle Massnahmen: Soll arbeitstätigen Geflüchteten der ordentliche Aufenthaltstitel B verliehen werden?

Mittlerweile hat das Staatssekretariat für Migration (SEM) von Karin Keller-Sutter geantwortet. Der Bundesrat werde sich «noch vor Frühling 2023» mit der Frage der Aufhebung oder Weiterführung des Status S befassen. Derzeit erlaubten die Kriegshandlungen in der Ukraine aber «keine verlässliche Prognose». Das SEM wartet zudem die Ergebnisse einer Expertengruppe ab, die den Schutzstatus evaluiert. Kantone und Betroffene müssen sich gedulden: Ein Zwischenbericht erscheint erst im Dezember.

Die zweite Welle kommt

Dabei ist die Diskussion um den Schutzstatus S nicht nur wegen jenen Menschen dringlich, die schon hier sind. Sondern auch wegen jenen, die noch kommen werden. Laut dem SEM könnten bis Ende Jahr nochmals bis zu 60 000 zusätzliche Personen in die Schweiz fliehen. Auch sie sollen nur wenige Tage in Strukturen des Bundes oder der Kantone bleiben und rasch auf die Gemeinden verteilt werden.

Dieser unbürokratische Kern des Schutzstatus S wird für die Behörden aber immer mehr zum Problem. «Für die ersten paar Zehntausend Menschen hat das System funktioniert, doch es kam immer wieder an seine Grenzen», sagt Stefan Roschi, Direktor der Fachorganisation AOZ (Asylorganisation Zürich). Der grössten Institution für Flüchtlingsbetreuung in der Schweiz steht mit der zweiten Welle eine erneute Belastungsprobe bevor.

Die AOZ betreibt Flüchtlingsunterkünfte und ist in der Stadt Zürich und in zahlreichen Gemeinden für die Unterbringung und die Ausrichtung der Sozialhilfe für Geflüchtete zuständig. «Unsere Mitarbeitenden mussten regelmässig 12- oder 14-Stunden-Schichten absolvieren, um wirklich für alle Menschen eine Unterkunft und Essen zu organisieren und die Sozialhilfe auszurichten», sagt Roschi. Personalintensiv sei insbesondere die individuelle Bemessung der Sozialhilfe, die vom Gesetz vorgeschrieben sei. «Diese bedingt einen personellen und administrativen Aufwand, der wegen des Fachkräftemangels schon jetzt fast nicht mehr zu schaffen ist.»

Auch bei der AOZ macht man sich deshalb Gedanken zur Zukunft des Schutzstatus S. Roschi wünscht sich, dass Bund, Kantone und Gemeinden gemeinsam Lösungen suchen, wie eine zweite Flüchtlingswelle bewältigt werden kann. «Möglich wäre dies beispielsweise, wenn man die Menschen nicht mehr so schnell wie möglich auf die Gemeinden verteilt, sondern länger in Strukturen von Bund und Kanton belassen würde.»

«Jene, die neu ankommen, könnten zuerst ein paar Monate in Kollektivunterkünften verbringen, wo sie ein Zimmer, Essen und Taschengeld erhalten, wie dies bei den Geflüchteten aus anderen Ländern auch der Fall ist», sagt Roschi. Aber käme dies nicht einer Aufhebung des Schutzstatus S gleich? «Nein», sagt Roschi. «Die Umsetzung des Schutzstatus S müsste an die tatsächlichen Umstände angepasst werden, damit eine zweite Welle bewältigbar wird.»

Solche punktuellen Anpassungen am Schutzstatus werden auch in der Politik als mögliche Lösung diskutiert. Am 1. September lädt die Staatspolitische Kommission des Nationalrats Karin Keller-Sutter zum Thema vor.

Anna Sidorenko hat gelernt, sich rasch auf eine neue Situation einzustellen. Von der Schweizer Sozialhilfe lebte sie einen Monat lang, seither bezahlt sie alles selber: Miete, Krankenkasse, ÖV-Billet. Leute wie sie sollten die Möglichkeit haben, einen permanenten Status zu erlangen, findet Sidorenko. «Ich dachte, der Krieg könnte schnell vorbeigehen», sagt sie. «Nun denke ich das nicht mehr.»
(https://magazin.nzz.ch/nzz-am-sonntag/schweiz/schutzstatus-s-gefluechtete-wollen-in-der-schweiz-bleiben-ld.1698952)


+++GRIECHENLAND
derbund.ch 21.08.2022

Pushbacks in Griechenland: Europas Todesstreifen

Nirgends zeigt sich der Konflikt zwischen der Türkei und Griechenland so deutlich wie am Fluss Evros: Seit Monaten werden dort Flüchtlinge als politisches Druckmittel eingesetzt.

Tobias Zick aus Alexandropouli

Es führen viele Wege in das Labor von Pavlos Pavlidis. «Ertrinken, Unterkühlung, Autounfälle, das sind so die gängigsten Ursachen», sagt der Arzt und deutet auf ein paar Kartons, in denen sich Briefumschläge drängen. Es ist die Sammlung der persönlichen Gegenstände, die all jene Menschen am Körper trugen, die im Lauf der vergangenen zwanzig Jahre zur letzten Untersuchung bei ihm ankamen.

Institut für Forensische Medizin, Universitätsklinik von Alexandroupoli, erstes Untergeschoss. Wer versucht, sich über die türkisch-griechische Landgrenze in die Europäische Union zu schleichen, hat solide Chancen, früher oder später bei Pavlos Pavlidis zu landen.

Jeder Tote bekommt eine Nummer

«Ja, der Evros ist tatsächlich ein sehr gefährlicher Fluss», sagt Pavlidis, ein schlanker Mann mit Dreitagebart und Brille, und breitet eine Reihe von Plastiktütchen auf dem Tisch aus, beklebt mit weissen Etiketten, handbeschrieben mit Datum und einer Nummer. Jeder Tote bekommt hier eine Nummer. Nach sechs Monaten werden sie an die Bestattungsbehörde übergeben und in einem Dorf namens Sidiro auf dem Friedhof begraben, auch wenn der Name nicht bekannt ist.

Jedes Tütchen ein Leben. Ein Armband aus schwarzen Plastikperlen, ein mit Schnitzmustern verzierter, filigraner Ledergürtel, «aus Afrika», sagt Pavlidis. Ein Männerhaarreif aus zackig gewelltem Draht, ein bisschen Kleingeld, ein Handy-Ladekabel, ein Tablettenblister, halb aufgebraucht, Handelsname «Relief», ein Schmerzmittel. «Das war ein junger Mann, gestorben am 11. Juni bei einem Autounfall. Zusammenstoss mit einem anderen Auto, wer weiss, vielleicht waren sie auf der Flucht vor der Polizei?»

Seit zwei Jahrzehnten mache er jetzt diesen Job, erzählt Pavlos Pavlidis, er stammt selbst aus einem kleinen Dorf am Evros, im Dreiländereck, wo Griechenland an die Türkei und an Bulgarien grenzt. Reissend und wild sei der Fluss schon immer gewesen, «aber in den letzten zwei Jahren ist die Lage sehr gefährlich geworden». Der Fluss, der die Aussengrenze der EU markiert, ist für Geflüchtete zu einem regelrechten Todesstreifen geworden. Eskaliert war die Lage im März 2020, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan liess Tausende Migranten an die Landgrenze am Evros karren.

Die Grenze zur EU sei offen, hiess es aus Ankara. Griechische Sicherheitskräfte verschossen Tränengas, die Regierung in Athen setzte das Asylrecht vorübergehend aus, begann einen Zaun entlang des Flusses zu bauen – und eine Praxis massiv auszuweiten, die schon vorher bekannt war: «Pushbacks» – illegale Rückabschiebungen von Schutzsuchenden, ohne ihnen die Chance zu geben, einen Antrag auf Asyl zu stellen. Ein Verstoss gegen europäisches Recht und gegen die Genfer Flüchtlingskonvention.

Pavlos Pavlidis geht jetzt ins Büro nebenan und scrollt am Computer durch Fotos von schwer entstellten Leichen, im Hintergrund plätschert Kaufhausjazz aus den Boxen.

Der Autounfall vom 11. Juni also, ein junger Mann mit Vollbart, die Augen halb offen, der Kopf stark verformt, man erkennt auf dem Foto diesen gezackten Drahtreifen im halblangen Haar. In dem Fall war die Identifizierung vergleichsweise leicht, Pavlidis öffnet Whatsapp auf seinem Telefon und zeigt eine Nachricht aus den Niederlanden, von einer jungen Frau, sie hat vor einigen Wochen geschrieben: «Ein Bruder eines Freundes von mir ist am Samstagmorgen bei einem Autounfall gestorben, wir glauben, sein Leichnam ist momentan unter Ihrer Obhut in Alexandroupoli. Ich wollte mit Ihnen über die Möglichkeit sprechen, seinen Leichnam zurück zu seiner Familie in Syrien zu bringen!» Der Mann sei 179 Zentimeter gross, zwischen 80 und 90 Kilogramm schwer, «ich kann auch ein Foto schicken, wenn das hilft».

Kooperieren – oder selbst im Gefängnis landen

Pavlidis hat der Frau die Nummer der zuständigen Polizeidienststelle geschickt, für die Identifizierung. Es habe alles geklappt, sagt Pavlidis, der Tote sei jetzt bei seiner Familie. Doch in vielen Fällen klappt das nicht.

Wie das deutsche Nachrichtenmagazin «Spiegel» kürzlich recherchierte, weiss auch die europäische Grenzschutzagentur Frontex von griechischen Pushbacks im Ägäischen Meer. Hier am Evros, das haben diverse Organisationen einschliesslich der Vereinten Nationen vielfach dokumentiert, zwingt man Menschen, sich nackt auszuziehen, danach werden sie durch den Fluss zurück Richtung Türkei gedrängt. Die Männer, die die Pushbacks ausführen, sind oft selbst Flüchtlinge, die von der griechischen Polizei vor die Wahl gestellt worden sind: kooperieren – oder selbst im Gefängnis landen.

Der Gerichtsmediziner Pavlos Pavlidis ist einer der wenigen in der Evros-Region, von denen man überhaupt Einblicke in die Gefahren bekommt, denen Flüchtlinge hier ausgesetzt sind. Ansonsten: militärisches Sperrgebiet, Fotografierverbot, eingeschüchterte humanitäre Helfer, die erklären, sie wollten sich lieber nicht zu einem Gespräch treffen, aus Gründen der «Sicherheit». Der Bürgermeister der Gemeinde Soufli erklärt sich bereit, zu reden, direkt am Grenzfluss. Es ist eine in der Hitze flirrende Kleinstadt, eine knappe Stunde Busfahrt von der Küstenstadt Alexandroupoli entfernt, Sonnenblumenfelder, kreisende Störche.

Suche nach Essbarem

Bürgermeister Panagiotis Kalakikos ist ein freundlicher Mann mit säuberlich gekämmtem silbrigem Haar, er sagt: «Die Grenzpolizei ist hier, Frontex ist hier, die machen einen sehr wichtigen Job. Es ist sehr sicher hier. Probleme gibt es nur, wenn die Flüchtlinge kommen und nach einigen Tagen Hunger bekommen und sich auf die Suche nach Essbarem machen. Natürlich muss jeder, der Hunger hat, auch essen. Die Leute wollen ja überleben. Es kommt aber manchmal vor, dass Lebensmittel gestohlen werden.» Vor allem ältere Leute, die allein wohnen, hätten mitunter Angst, sagt der Bürgermeister. Bisher allerdings sei niemandem etwas angetan worden.

Ende Mai hat sich der lang schwelende Konflikt zwischen der Türkei und Griechenland um Seegrenzen und Erdgasvorkommen im Mittelmeer erneut verschärft. Athen hat beschlossen, den Grenzzaun am Evros weiter auszubauen. Aber was ist mit den Pushback-Vorwürfen? «Diejenigen, die uns kritisieren, sollen hierherkommen und sich mit eigenen Augen anschauen, was hier wirklich vorgeht», sagt Kalakikos. Das Gebiet jenseits der Grenze sei komplett unter der Kontrolle der türkischen Armee, da passiere sicher nichts aus Zufall. Wenn es nach ihm ginge, sollte die EU Frontex in der Türkei stationieren. «Wir sind das Land, in dem die Demokratie erschaffen wurde», sagt er. «Wir sind offen für den Dialog, aber wir akzeptieren keine Belehrungen in Demokratie.»

Eine dunkelrotbraun verquollene Masse

Pavlos Pavlidis schliesst an diesem Nachmittag eine seiner Akten, er wird sie am nächsten Tag an die afghanische Botschaft in Athen schicken. Den Namen des jungen Mannes haben er und seine Kollegen nicht ermitteln können, aber die Wasserleiche trug ein winziges Ledertäschchen bei sich, darin fanden sie eine Speicherkarte, mehrfach mit Frischhaltefolie umwickelt. Darauf gespeichert: jede Menge Fotos, Videos, eine App zum Deutschlernen, der Mann hatte offenbar schon konkrete Pläne für seine Weiterreise aus Griechenland. Vom Gesicht des Ertrunkenen ist nur eine dunkelrotbraun verquollene Masse geblieben, aber die Form der Ohrmuschel ist noch gut erkennbar, die Zähne auch, es sind die des strahlend lächelnden jungen Mannes, vielleicht Mitte zwanzig, der da in einem Selfie-Video am glitzernden Meer steht, hinter sich ein paar Hochhausfassaden von Istanbul, und auf einem Foto sein trainierter Oberkörper vor dem Spiegel in der Umkleidekabine eines Istanbuler Fitnessstudios. Er trägt die Laufschuhe, dieselben, die an den Füssen des verquollenen Leichnams steckten.

Seine letzte Nachricht auf Instagram: Auf Wiedersehen, meine Freunde, ich breche jetzt auf.

«Er hatte einen Bruder in der Türkei», sagt Pavlos Pavlidis, «und die letzten Videos, auf denen der Bruder zu sehen ist, zeigen ihn im Spital. Kurz danach war keine Aktivität mehr in dessen Account, wir vermuten, dass er gestorben ist. Und es sieht so aus, als wäre dieser Bruder der einzige Verwandte gewesen, zu dem er noch Kontakt hatte.»

«Wir haben die Leiche»

Pavlidis hebt den Vorhang an, deutet mit einem Kopfnicken nach draussen: Da steht ein Kühlcontainer, auf dem klebt das Logo des IKRK, des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes. «Wir haben die Leiche, wir haben die Informationen von der Speicherkarte», sagt er. «Aber wir haben keinerlei persönlichen Daten von ihm. Momentan trägt er nur eine Nummer.» Wenn die afghanische Botschaft ihrerseits keine Angehörigen ausfindig macht, dann wird der Tote nach sechs Monaten aus diesem Container geholt und dem Bestattungsamt in Sidiro übergeben werden.

In der Gerichtsmedizin ist Feierabend für diesen Tag, aber wie soll das langfristig weitergehen? Pavlidis hebt die Schultern. «Letztendlich», sagt er, «hängt das davon ab, was die Regierung drüben auf der anderen Seite noch so alles vorhat.»



Boot mit fast 100 Migranten auf Grund gelaufen

Ein Segelboot mit Dutzenden Migranten an Bord ist auf Felsen an einer Insel im Süden Griechenlands auf Grund gelaufen. Bei dem Zwischenfall in der vergangenen Woche sei niemand verletzt worden, es sei auch niemand vermisst gemeldet worden, teilten die Behörden gemäss der Nachrichtenagentur dpa mit. Die Küstenwache gab an, es seien 97 Menschen an Bord gewesen. Angaben zu ihren Nationalitäten lagen ihr zunächst nicht vor. Die lokale Nachrichtenseite Kythera News berichtete jedoch, es werde vermutet, dass die Menschen aus Afghanistan stammten.

Der üblichste Seeweg für Asylsuchende aus dem Nahen Osten, Asien und Afrika in das EU-Mitgliedsland Griechenland war lange die Route von der Türkei zu den griechischen Inseln im Ägäischen Meer. Seit die griechischen Behörden ihre Patrouillen verstärkt haben, versuchen viele jedoch, auf der viel weiteren und gefährlicheren Route direkt nach Italien zu gelangen. (sw)
(https://www.derbund.ch/europas-todesstreifen-934146396216)


+++MITTELMEER
Ärzte ohne Grenzen: 100 Migranten aus dem Mittelmeer gerettet
Nach einem Hinweis der italienischen Seenotrettung hat die Crew der “Geo Barents” Männer, Frauen und Kinder von einem Boot geholt. Italien gewährte den Geretteten Schutz.
https://www.zeit.de/politik/ausland/2022-08/aerzte-ohne-grenzen-seenot-rettung-mittelmeer-italien


+++GASSE
NZZ am Sonntag 21.08.2022

Und plötzlich rauchen alle Crack

In Genf grassiert das Crack-Fieber, betroffen ist vor allem das Pâquis-Quartier. Sozialarbeiterinnen, Polizei und Politiker sind alarmiert. Noch beschränkt sich das Phänomen auf die Rhonestadt.

Andrea Kučera

Genf, an einem Donnerstagnachmittag Mitte August: Buben kicken einen Fussball über den Pausenplatz der Primarschule Pâquis-Centre. Eine Frau im Sari läuft mit ihrer Tochter an der Hand nach Hause. Alkoholiker hocken mit Bierdosen in der Hand vor der Bibliothek auf Holzbänken. Ein Mann balanciert auf dem Velo eine Ladung Hemden, die er soeben aus der Reinigung geholt hat. Zwei Nachbarn sind an einer Kreuzung ins Gespräch vertieft.

Mitten in diesem Gewusel lehnen zwei junge Männer auf ihren Mountainbikes sitzend an einer Hauswand und schauen gelangweilt drein. Auf einmal tauchen zwei Junkies auf. Sie haben den typischen glasigen Blick von Süchtigen und fahle Haut, die über den Wangenknochen spannt. Ein kurzer Blickkontakt, dann fährt der eine der jungen Männer langsam davon, die beiden Junkies laufen hinterher. Schon sind sie um die nächste Ecke verschwunden. Die schwatzenden Nachbarn heben nicht einmal den Kopf.

Dass im Genfer Pâquis-Quartier auf offener Strasse Drogen verkauft und konsumiert werden, ist nichts Neues. Im Umkreis von wenigen hundert Metern findet man hier alles, was das Leben in einer Stadt mit sich bringt. Spielplätze, Strassenstrich, Szenebars, Absteigen, Viersternhotels – und Rauschmittel.

Seit diesem Frühling aber beklagen die Bewohner eine neue Stufe der Drogen-Misere: Bleiche Gestalten, die barfuss durch die Gegend torkeln, in Blumentöpfen in der Erde scharren, herumschreien und auf den Pausenhof pinkeln. Eine Mutter von zwei Buben im Primarschulalter schildert es so: «Früher sah ich von Zeit zu Zeit einen Heroinsüchtigen auf der Suche nach Stoff, nachts wurde mit Partydrogen gehandelt.» Diesen Frühling aber seien plötzlich aggressive Gestalten in extrem schlechtem Gesundheitszustand aufgetaucht.

Man höre fast täglich Glasflaschen klirren und das Geschrei der Süchtigen: «Fais-moi un prix» – «mach mir einen guten Preis.» Solche Szenen spielen sich mitten am Tag an den Eingängen zu den Wohnhäusern und sogar auf dem Pausenplatz ab. Sie fühle sich nicht bedroht, sagt die Mutter. «Aber es ist schon seltsam.»

Der Grund für das veränderte Verhalten der Süchtigen: In Genf explodierte seit Anfang Jahr der Konsum von Crack, einer Droge, die aus Kokain und Natron gewonnen wird und wahnsinnig schnell abhängig macht. Im Gegensatz zu Kokain, das meist geschnupft wird, wird Crack geraucht. Über die Lunge gelangt die Droge blitzschnell ins Hirn und putscht auf. Doch nach 15 Minuten setzen bereits Entzugserscheinungen ein.

Crack gilt als Armutsdroge schlechthin. Man gerät sehr rasch in einen Teufelskreis hinein. Auf der Suche nach dem nächsten Trip vergessen Süchtige zu trinken, zu essen, sich zu waschen, zu schlafen. Im Gegensatz zum Kokain, das auch von erfolgreichen Managern konsumiert wird, greift nur zum Crack, wer ganz unten ist: Menschen mit einem langjährigen Mischkonsum aus Heroin, Kokain, Schlafmitteln und Alkohol hinter sich.

Bis jetzt sei Crack in der Schweiz wenig verbreitet, schreibt der Verband «Sucht Schweiz». Im Gegensatz zu Paris, wo es eine offene Crack-Szene mit Hunderten von Süchtigen gibt, rauchen hierzulande nur wenige den Stoff. Doch das ändert sich gerade.

Süchtige helfen der Polizei

Warum steht gerade Genf am Beginn dieser Entwicklung? Und warum ausgerechnet jetzt? Die Antworten variieren leicht, je nachdem, ob man mit Strassenarbeiterinnen, Süchtigen oder Polizisten spricht. Sozialarbeitende sehen einen Zusammenhang mit der Corona-Pandemie, die zu einer noch stärkeren Armut und Marginalisierung in den Städten geführt habe.

Fest steht, dass das Crack aus Frankreich nach Genf gelangte. Wobei man präzisieren muss, dass vereinzelte Süchtige hierzulande schon lange Crack rauchen. Doch bis jetzt mussten sie den Stoff selbst mixen: Sie verbrennen dafür ein paar Gramm Kokain, Natron und Wasser in einem Löffel, so dass sich ein kleines Klümpchen bildet. Erst wenn das Ganze abgekühlt ist, kann der Stoff mit einer Pfeife geraucht werden. Alles in allem dauert dieses Prozedere über zehn Minuten.

Neu ist, dass die Dealer in Genf das Crack in zum Konsum bereiter Klümpchenform direkt auf der Strasse anbieten. Je nach Menge Kokain kostet das Stück 10 bis 20 Franken. Das Resultat: Der Stoff kann ohne Zeitverlust sofort konsumiert werden. Der Effekt dieses neuen Angebots auf die Süchtigen hat alle Beteiligten überrascht. Seit die Genfer Polizei im Juni 2021 erstmals bei einem Dealer Crack sichergestellt hat, ist der Konsum regelrecht in die Höhe geschnellt.

Tamara Chkheidze hat diese Entwicklung an vorderster Front miterlebt. Die Sozialarbeiterin arbeitet im Konsumraum «Quai 9» hinter dem Bahnhof. Noch vor einem Jahr hätten hier höchstens zwei Süchtige pro Tag Crack konsumiert, sagt Chkheidze. Heute seien es 60 bis 90 jeden Tag. Die Zahl der Raucherboxen wurde von vier auf acht verdoppelt.

Trotzdem bildet sich auf der Rückseite des Lokals fast rund um die Uhr eine Traube von Süchtigen, die rauchen und dealen. Nicht immer bleibt es so ruhig wie heute. «Man sieht schon mal ein Messer oder gar eine Axt, die gezückt wird», sagt Chkheidze. «Wir hatten noch nie so viele Raufereien.»

Wie die Bewohner des Pâquis-Quartiers beobachtet auch Chkheidze, wie sich das Verhalten der Drogenabhängigen verändert. Früher seien sie damit beschäftigt gewesen, die Süchtigen aufzuwecken. «Heute versuchen wir, sie zu beruhigen.» Das Crack mache nervös und reizbar, kurz nach dem Konsum seien die Abhängigen kaum ansprechbar in ihrer eigenen Welt.

Vor kurzem hat sie beobachtet, wie ein Junkie auf den Tramschienen vor dem Konsumraum nach etwas suchte – ein typisches Verhalten auf einem Crack-Trip. Das heranfahrende Tram klingelte mehrmals, doch der Mann hörte nichts. Am meisten betroffen habe sie gemacht, als sie im Juni nach einem Monat Ferien an die Arbeit zurückgekehrt sei, sagt Chkheidze. Ein Süchtiger habe sie begrüsst, doch sie habe ihn nicht wiedererkannt. «Er hat sicher 30 Kilo verloren.»

Seit der ersten Sicherstellung von Crack auf Genfer Boden vor rund einem Jahr versucht die Polizei den Markt zu zerschlagen, wie Olivier Droz berichtet. Er leitet bei der Kriminalpolizei die Sektion, die unter anderem den Drogenhandel bekämpft. Seit Januar fanden 323 Crack-Einsätze statt, 200 davon allein im Pâquis-Quartier. 256 Personen wurden seit Anfang 2022 angezeigt, weil sie mit der neuen Droge dealten.

Aufgrund ihrer verdeckten Ermittlungen weiss die Polizei, dass sie es vorwiegend mit jungen Männern zu tun hat, die ursprünglich aus Westafrika stammen und französisch sprechen. Viele haben Niederlassungsbewilligungen in Frankreich und sind der dortigen Polizei bekannt.

Im Kampf gegen die Dealer bekommt die Polizei auch Unterstützung von den Süchtigen. «Es gibt nicht wenige, die uns helfen, weil sie vom Stoff loskommen wollen, dies aber nicht schaffen, solange Crack auf der Strasse verfügbar ist», sagt Droz. Inzwischen hat die Polizei vier Wohnungen auflösen können, in denen Dealer das Crack mischen. Wie viel Stoff beschlagnahmt wurde, gibt Droz nicht bekannt.

Zürich macht sich Sorgen

Ob das ausreicht, um die Szene zu zerschlagen? Droz sagt, eine offene Drogenszene neben der Primarschule im Pâquis sei unhaltbar. «Das werden wir niemals tolerieren.» Doch er weiss auch, dass der Kampf gegen den Handel mit illegalen Substanzen ein Kampf gegen Windmühlen ist: Früher wurde weiter westlich unterhalb des Bahnhofs gedealt. Dann liess der frühere Polizeivorsteher Pierre Maudet 2014 dort 29 Kameras installieren.

Die Kameras seien eine grosse Hilfe bei der Bekämpfung der Kriminalität, heisst es bei der Polizei. Aber sie führten dazu, dass die Drogendealer ein paar hundert Meter weiter östlich gezogen sind, in die Fussgängerzone vor dem Schulhaus. Seit die Polizei dort ihre Präsenz verstärkt hat, findet der Handel vermehrt in der ganzen Innenstadt statt. Der heutige Polizei- und Sozialvorsteher Mauro Poggia sagt es so: «Jede repressive Massnahme führt dazu, dass man das Problem verschiebt, ohne es zu lösen.» Deshalb lässt er nun eine Studie erstellen, um mehr über die Crack-Süchtigen zu erfahren.

Was gerade in Genf passiert, hat Suchtexperten schweizweit aufgeschreckt. «Die Situation in Genf beunruhigt uns», sagt Florian Meyer, Abteilungsleiter soziale Einrichtungen und Betriebe der Stadt Zürich. Zurzeit werde Crack in den Zürcher Konsumräumen selten geraucht. «Wir sind aber mit den Kollegen in Genf im Austausch.» Noch beschränkt sich der Crack-Boom auf Genf. Doch bereits gibt es Berichte aus Lausanne, dass auch dort die ersten Klümpchen im Umlauf sind.
(https://magazin.nzz.ch/nzz-am-sonntag/schweiz/in-genf-rauchen-ploetzlich-alle-crack-ld.1698956)


+++SPORT
Feige Attacke von FCZ-Hooligans auf GC-Fans in der S-Bahn
FCZ-Chaoten griffen nach dem Cupspiel zwischen den Grasshoppers und Wettswil-Bonstetten GC-Fans an. Am Bahnhof Urdorf Weihermatt zogen sie die Notbremse und gingen auf die Grasshoppers-Sympathisanten los. Fünf Personen wurden beim Angriff verletzt.
https://tv.telezueri.ch/zuerinews/feige-attacke-von-fcz-hooligans-auf-gc-fans-in-der-s-bahn-147608515
-> https://www.limmattalerzeitung.ch/limmattal/region-limmattal/gewalt-fcz-fans-attackieren-heimreisende-gc-fans-im-zug-fuenf-verletzte-ld.2330868
-> https://www.tagesanzeiger.ch/fcz-anhaenger-attackieren-fc-grasshopper-sympathisanten-im-zug-995250019577


+++FRAUEN7QUEER
Trans Menschen und Feministinnen: In Eigenregie l(i)eben
Unsere Antagon:istinnen verleumden uns nach Kräften. Dabei gibt es doch nichts Natürlicheres als das Transgendersein.
https://taz.de/Trans-Menschen-und-Feministinnen/!5872157/


«Es ist an uns allen, sich gegen solche Äusserungen zu wehren »
Homophobie im Fussball – keine Seltenheit. Jüngst war es ein FCL-Spieler, der mit einer verbalen Entgleisung negativ auffiel. Der Vorfall hat Benedikt Koller wenig überrascht. Der Ex-FCL-Spieler hat solche Beispiele selber erlebt. Ein Gespräch über Diskriminierung und Macho-Gehabe im Fussball.  (ab 05:07)
https://www.srf.ch/audio/regionaljournal-zentralschweiz/es-ist-an-uns-allen-sich-gegen-solche-aeusserungen-zu-wehren?id=12241770


Neue Ära: Die Co-Leiterinnen der Gosteli-Stiftung im Gespräch
Seit dem 1. August leiten die beiden Historikerinnen Lina Gafner und Simona Isler die Gosteli-Stiftung und das dazugehörende Archiv. Im Gespräch beschreiben sie den Wert des Archivs und wie sie die Stiftung in die Zukunft führen wollen.  (ab 05:25)
https://www.srf.ch/audio/regionaljournal-bern-freiburg-wallis/neue-aera-die-co-leiterinnen-der-gosteli-stiftung-im-gespraech?id=12241785


+++DREADLOCKSMANIA
Auftritt von Lauwarm in Bern kurzfristig abgesagt – Stattdessen gab die Band ein zweites Konzert in Solothurn
Anstatt ein Konzert an der Lorraine-Chilbi zu geben, trat Lauwarm ein weiteres Mal auf die Bühne des Feen Open Airs am Klosterplatz. «An anderen Orten dürfen sie nicht spielen, bei uns gleich zweimal», sagt Roger Liggenstorfer, Mitinhaber der Absinth-Bar Die Grüne Fee.
https://www.solothurnerzeitung.ch/solothurn/stadt-solothurn/kulturelle-aneignung-auftritt-von-lauwarm-in-bern-kurzfristig-abgesagt-stattdessen-gab-die-band-ein-zweites-konzert-in-solothurn-ld.2331043


+++RECHTSPOPULISMUS
Nennt die Schweiz «Kriegspartei» in der Ukraine: Blocher macht die Schweiz mitverantwortlich am Tod «blutjunger russischer Soldaten»
Alt-Bundesrat Blocher wirft der Schweiz Mitschuld am Tod «blutjunger» russischer Soldaten vor. Die Schweiz sei zur «Kriegspartei» geworden. Wer den Krieg auslöste und dass sich die Ukraine zu verteidigen versucht, darüber verliert der SVP-Doyen kein Wort.
https://www.blick.ch/schweiz/nennt-die-schweiz-kriegspartei-in-der-ukraine-blocher-macht-die-schweiz-mitverantwortlich-am-tod-blutjunger-russischer-soldaten-id17807579.html
-> https://www.wiler-nachrichten.ch/community/detail/article/halbe-wahrheit-00215630/
-> https://www.20min.ch/story/christoph-blocher-nennt-die-schweiz-eine-kriegspartei-950411554383
-> https://www.nau.ch/news/schweiz/ukraine-krieg-blocher-gibt-schweiz-schuld-an-tod-junger-russen-66247609



Sonntagszeitung 21.08.2022

Krieg in der Ukraine: Blocher macht die Schweiz mitverantwortlich am Tod russischer Soldaten

Der Alt-Bundesrat schreibt in einer Kolumne, dass die Schweiz «Kriegspartei» sei. Die Reaktionen fallen heftig aus. Der FDP-Vizechef spricht von Putin-Propaganda.

Adrian Schmid

Es beginnt emotional. «Das geht zu Herzen und tut weh», schreibt Christoph Blocher in seiner wöchentlichen Kolumne, die in diversen Regionalzeitungen wie der «Luzerner Rundschau», «Winterthurer Zeitung» oder «Zuger Woche» erscheint. Blocher ist deren Verleger. Ihn beschäftigt das Schicksal von Eduard, Maxim oder Boris. Das sind alles Namen von russischen Teenagern, die als Soldaten im Ukraine-Krieg gefallen sind. Die Tamedia-Zeitungen haben kürzlich über die getöteten Russen berichtet.

Dann aber wird Blocher politisch – indem er versucht, das Thema mit der Neutralität zu verbinden. Das ist kein Zufall. Der Alt-Bundesrat will schon bald eine Initiative lancieren, damit die Schweiz zu einer integralen Neutralität zurückkehrt.

Blocher erwähnt nicht, dass Putin den Krieg angefangen hat

So sind für Blocher die toten Russen nur «die halbe Wahrheit». Sie seien von ukrainischen Soldaten getötet worden. Und diese wiederum würden durch den Westen bewaffnet, vor allem durch die USA, aber auch die EU. «Sogar mit Unterstützung der neutralen Schweiz, welche die schweizerische Neutralität brach und damit Kriegspartei ist. Sie hilft mit, dass blutjunge russische Soldaten sterben müssen», schreibt Blocher.

Die Schweiz als Kriegspartei? Mitschuldig am Tod russischer Teenager? Dass es Putins Streitkräfte waren, welche die Ukraine angegriffen haben, darüber verliert Blocher kein Wort. Ebenso wenig geht er darauf ein, was mit den ukrainischen Männern und Frauen passieren würde, wenn sich das Land nicht gegen den Überfall wehrte; er erwähnt weder die dokumentierten Vergewaltigungen noch die Verschleppungen. Kein Wunder, sorgt er für geharnischte Reaktionen.

«Schuld an den Kriegstoten ist nicht der verbrecherische Angreifer, sondern die Verteidiger?», fragt FDP-Vizepräsident Andrea Caroni. Er hat kein Verständnis für diese Position: «Putin braucht keinen Propagandaminister mehr – die Blochers machens gratis.» Auch Magdalena Martullo-Blocher hat schon Friedensverhandlungen mit Putin gefordert.

Mitte-Fraktionschef Philipp Matthias Bregy wirft dem SVP-Übervater «Geschichtsverdrehung» vor. «Blocher sagt selbst nur die halbe Wahrheit, indem er den Aggressor ausblendet.» Ausserdem verteidige die Ukraine westliche Werte. Da müsse auch die Schweiz solidarisch ihren Beitrag leisten. «Neutral sein heisst nicht einfach zuschauen, das gilt auch für die Schweiz.»

Botschafter spricht von einem «schlechten Witz»

Der ukrainische Botschafter in Bern, Artem Rybchenko, reagiert ungewohnt undiplomatisch auf die Blocher-Kolumne. So etwas könne man nur «vom heimischen Sofa aus sagen». Ihm komme das vor wie «ein schlechter Witz».

«Wir sind kein Aggressor», betont der Botschafter. Die Ukraine sei dazu gezwungen worden, das Land und letztlich auch Europa zu verteidigen. Die ukrainischen Soldaten würden Kinder, Zivilisten und Infrastruktur «vor Terroristen» beschützen. «Herr Blocher hat keinen Bezug zur Realität. Ich bin gern bereit, ihm das persönlich zu sagen.»

Gemäss Rybchenko kann sich auch die Schweiz als neutrales Land nicht davor verschliessen, was in Europa passiert. Er verweist zudem darauf, dass etwa die Situation im umkämpften Atomkraftwerk Saporischschja ganz Europa bedrohe. «Die Katastrophe von Tschernobyl sollte dafür Beweis genug sein.»

Blocher fragt derweil am Schluss seiner Kolumne: «Warum nur hat sich die Schweiz hier eingemischt?» Und wünscht dann den Leserinnen und Lesern «e gueti Wuche».
(https://www.derbund.ch/blocher-macht-die-schweiz-mitverantwortlich-am-tod-russischer-soldaten-941325524062)


+++RECHTSEXTREMISMUS
Anschlag in Moskau: Tochter von «Putin-Einflüsterer» stirbt bei Autoexplosion
Das Auto von Darja Dugina, die Tochter des rechten Ideologen Alexander Dugin, ist auf einer Autobahn explodiert und in Flammen aufgegangen. Russische Nationalisten sind entsetzt.
https://www.derbund.ch/tochter-von-putin-einfluesterer-stirbt-bei-autoexplosion-kiew-dementiert-beteiligung-343442748227
-> https://www.srf.ch/play/tv/tagesschau/video/tagesschau-vom-21-08-2022-mittagsausgabe?urn=urn:srf:video:b0b19d3f-a2d1-4699-83d5-1c623bb3901c
-> https://www.blick.ch/ausland/galt-anschlag-dem-vater-tochter-von-putin-einfluesterer-stirbt-bei-explosion-id17807700.html
-> https://www.t-online.de/nachrichten/ukraine/id_100041884/russland-tochter-von-putin-strategen-dugin-bei-autoexplosion-getoetet.html
-> https://twitter.com/juli_anh/status/1561111633044422657
-> https://www.watson.ch/!116929681
-> https://www.bbc.com/news/world-europe-62621509
-> https://www.haaretz.com/world-news/europe/2022-08-21/ty-article/report-car-bomb-in-russia-kills-daughter-of-ultra-nationalist-putin-ally/00000182-bf26-d018-adae-bf3e2ed80000
-> https://www.20min.ch/video/tochter-von-putins-gehirn-bei-autoexplosion-getoetet-272668105604
-> https://www.spiegel.de/ausland/darja-dugina-tochter-von-russischem-nationalisten-stirbt-bei-bombenanschlag-a-d0359731-8dd7-427c-b610-e2154b4d6674
-> https://www.theguardian.com/world/2022/aug/21/daughter-of-putin-ally-alexander-dugin-killed-in-car-bomb-in-moscow-reports?CMP=twt_gu&utm_source=Twitter&utm_medium#Echobox=1661069605
-> https://www.zeit.de/politik/ausland/2022-08/darja-dugina-alexander-dugin-autoexplosion-moskau-tod-ukraine
-> https://www.volksverpetzer.de/recherche-afd/dugin-putin-nazi/
-> https://www.volksverpetzer.de/recherche-afd/darja-dugina-netzwerk/
-> https://www.tagesschau.de/ausland/asien/dugin-moskau-101.html
-> https://www.heise.de/tp/features/Autobombe-Alexander-Dugins-Tochter-ist-tot-7238620.html
-> https://www.watson.ch/international/ukraine/359910212-russische-medien-schwoeren-rache-fuer-daria-dugina-kiew-wird-beben
-> https://www.nau.ch/news/europa/tochter-von-rechtem-ideologen-dugin-bei-autoexplosion-getotet-66247527
-> https://www.srf.ch/news/international/explosion-in-moskau-was-man-ueber-den-tod-von-darja-dugina-weiss
-> https://www.zdf.de/nachrichten/politik/dugin-tochter-getoetet-russland-ukraine-krieg-100.html
-> https://taz.de/Dugin-Tochter-bei-Anschlag-getoetet/!5875852/
-> Echo der Zeit: https://www.srf.ch/audio/echo-der-zeit/mutmasslicher-anschlag-auf-die-tochter-des-putin-beraters-dugin?partId=12241755
-> Tagesschau: https://www.srf.ch/play/tv/tagesschau/video/tochter-von-putin-vertrautem-dugin-getoetet?urn=urn:srf:video:dfa2f394-fc2f-4abb-a0b0-2b7b60c338d0
-> https://www.srf.ch/news/international/anschlag-in-moskau-alexander-dugin-ist-ein-waschechter-russischer-faschist
-> https://www.tagblatt.ch/international/mordanschlag-gluehende-verfechterin-des-russischen-angriffskrieges-tochter-von-rechtem-ideologen-dugin-bei-autoexplosion-getoetet-ld.2330875



nzz.ch 21.08.2022

Ein Mordanschlag erschüttert Russlands Propagandisten des Krieges

Bei der Explosion eines Sprengsatzes an ihrem Auto ist in Moskau eine Verfechterin des Ukraine-Krieges, die Tochter des imperialistischen Ideologen Alexander Dugin, ums Leben gekommen. Das ist Anlass für viele Spekulationen und verschärft die Spannungen in Russland.

Markus Ackeret, Moskau

Daria Dugina fuhr am späteren Samstagabend auf einer der westlichen Moskauer Ausfallstrassen zurück in die Stadt, als ihr Auto explodierte und ausbrannte. Rettungskräfte fanden die verkohlte Leiche der 29-jährigen Frau darin. Nach ersten Ermittlungsergebnissen detonierte ein auf der Fahrerseite am Unterboden des Geländewagens angebrachter Sprengsatz.

Dugina ist kein unbekanntes Opfer. Die Philosophin und Publizistin war die Tochter des nationalpatriotischen, ultrakonservativen ideologischen Aushängeschilds Alexander Dugin, dessen rechte Hand und Gleichgesinnte. Unter dem Namen Platonowa war sie selbst auf Telegram und bei propagandistischen, rechtsnationalen Medien als Kommentatorin aktiv und hatte in den vergangenen Monaten mit zuweilen monströsen Äusserungen das Existenzrecht der Ukraine infrage gestellt. Der Wagen, den sie lenkte, gehörte ihrem Vater. Er hatte offenbar vom gemeinsam besuchten Festival «Tradizija» ausserhalb Moskaus damit zurückfahren wollen, aber sich dann kurzfristig umbesonnen.

Alexander Dugin als Ziel?

So lässt sich annehmen, dass der Mordanschlag eigentlich Dugin gegolten hatte, einem Mann, der im Westen als «Putins Einflüsterer» überhöht wird, aber ohne Zweifel ein besonders wahrnehmbarer Ideologe des eurasischen Imperialismus, der vom Kreml verfochtenen Vorstellung von Russland als Zentrum einer einzigartigen eurasischen Zivilisation und der daraus folgenden Rechtfertigung von Gewalt und Expansion, ist.

Das Attentat in einer Gegend am Rande der Hauptstadt, die von den Wohnsitzen höchster Funktionäre nicht weit entfernt ist, richtete sich gegen die geistigen Brandstifter des russischen Angriffs auf die Ukraine. Er zerstört aber – wie die jüngsten Explosionen auf der von Russland besetzten Halbinsel Krim – auch das Gefühl unter Russen, der Krieg sei fern und gehe sie überhaupt nichts an.

Anschläge dieser Art wirken wie ein Bumerang der Verheerung, die Russland über die Ukraine bringt. Sie wecken die Erinnerung an kriminelle Auseinandersetzungen der neunziger Jahre, an Explosionen im Umfeld der Tschetschenienkriege und damit an eine Zeit, die Präsident Putin und seinen Anhängern bis heute als Gegenbild zur dank ihm erreichten «Stabilität» dient.

Fingerzeig nach Kiew

Gross war in den Telegram-Kanälen staatstreuer Medien, von Propagandisten und rechtsnationalen Politikern das Entsetzen über die Tat. Auch besonnenere Stimmen unter diesen zeigten sofort mit dem Finger auf den ukrainischen Geheimdienst als Urheber des Anschlags. Für sie ist das der Beweis für die Gefahr, die von der Ukraine ausgeht.

Die Chefredaktorin des Auslandsenders RT, Margarita Simonjan, forderte, wie andere auch, eine Vergeltung auf die «Zentren der Entscheidfindung» in Kiew. Ihre Reaktion auf schadenfreudige Stimmen aus Kreisen der russischen Regimegegner verleiht der Befürchtung Ausdruck, das Ereignis könnte als Vorwand für eine verstärkte Hetzjagd auf Andersdenkende genutzt werden. Simonjan schrieb, es sei Zeit, «den Abfall zu entsorgen», und rief zur Festnahme von Oppositionellen auf.

Wer immer hinter dem Anschlag steckt: Dieser verweist auf wunde Stellen. Hätte die ukrainische Seite damit etwas zu tun, was sie vehement bestreitet, stellte es die russischen Sicherheitsbehörden in ein sehr schlechtes Licht. Abrechnungen innerhalb der Elite oder zwischen Gruppen, die über den Kurs des Kremls gegenüber der Ukraine uneinig sind und diesen zu einer härteren Politik drängen wollen, legten die Spannungen offen, die es auch unter Befürwortern von Russlands Aggression gegenüber dem Nachbarland gibt. Die Politologin Tatjana Stanowaja misst dem Ereignis deshalb einige Bedeutung zu.

Keine Schlüsselfiguren

Weder Dugin noch erst recht seine Tochter sind Schlüsselfiguren des Krieges und des Regimes. Aber die Art und Weise der Reaktionen von Propagandisten und Politikern wirft ein grelles Licht darauf, wie sehr die antiwestlichen Ideen zum Mainstream der russischen Politik geworden sind. Dugins eigenes ideologisches Konstrukt, den Neo-Eurasianismus, sein apokalyptisches, imperialistisches und auf der beständigen Konfrontation des kontinentalen Eurasien mit dem atlantischen Westen ausgerichtetes Denken, bezeichnete Anton Schechowzow, ein auf russische rechtsextreme Ideologie spezialisierter Experte, kürzlich als allzu exotisch für den Hausgebrauch des Kremls.

Deshalb hält er auch nichts davon, Dugin zum «Gehirn Putins», zu seinem «Meister-Ideologen», zu erklären, wie das in vielen westlichen Medien gerne gemacht wird. Das antiwestliche Denken Putins, seine Vorstellungen von der Rückkehr Russlands in seine imperialen Grenzen und damit von der Inexistenz eines eigenständigen ukrainischen und weissrussischen Staates, mag unter anderem davon inspiriert sein, ist aber weit verbreitet. Dugins Aussage von 2014 über die Ukrainer – «Töten, töten, töten» – ist die radikalste Form davon.

Dugin gefällt sich aber gewiss in der Rolle des mystischen Vordenkers. Aus Sicht Schechowzows ist er mehr Netzwerker als Ideologe: Zusammen mit dem Skandalschriftsteller und politischen Provokateur Eduard Limonow einst Mitbegründer der Nationalbolschewistischen Partei, später der Eurasischen Bewegung, ist er eine Art ideologischer Vermittler zwischen Europas neurechter, neofaschistischer Szene und russischem ultrakonservativem, nationalistischem Denken.
(https://www.nzz.ch/international/tochter-des-rechtsnationalistischen-russischen-ideologen-alexander-dugin-bei-autoexplosion-getoetet-ld.1698981)


+++VERSCHWÖRUNGSIDEOLOGIEN
Angebliche Wunderpille gegen Covid: Corona-Skeptiker importierte illegal Wurmmittel für Pferde
Swissmedic hat einen Zürcher Banker verurteilt, der 2500 Tabletten des Medikaments Ivermectin aus Indien eingeführt hatte. Das Tiermedikament gilt unter Corona-Skeptikern als Wundermittel gegen Covid. Dabei ist es nutzlos – und kann hochgiftig sein.
https://www.blick.ch/schweiz/angebliche-wunderpille-gegen-covid-corona-skeptiker-importierte-illegal-wurmmittel-fuer-pferde-id17806739.html
-> https://www.srf.ch/audio/regionaljournal-zuerich-schaffhausen/100-tage-im-amt-wie-ist-es-simone-brander-ergangen?id=12241788 (05:54)


+++FUNDIS
Unbeirrter Feldzug gegen die Abtreibung
Die Pro-Life-Bewegung ist auch in der Schweiz erstarkt und versucht Abtreibungsrechte einzuschränken – nach dem Vorbild der USA.
https://www.infosperber.ch/frau-mann/abtreibung/unbeirrter-feldzug-gegen-die-abtreibung/