Medienspiegel 23. Dezember 2018

+++BASEL
Flüchtlinge auf Jobsuche: Warum Arbeitseifer allein nicht reicht
Die öffentliche Hand und Private haben in Baselland und -Stadt in den letzten Jahren verschiedene Massnahmen ergriffen, um die Arbeitsintegration von Personen aus dem Asylbereich zu verbessern. Was bleibt zu tun?
https://www.basellandschaftlichezeitung.ch/basel/basel-stadt/fluechtlinge-auf-jobsuche-warum-arbeitseifer-allein-nicht-reicht-133876896

+++OBWALDEN
Obwaldner bekämpfen Asylentscheid: Betroffener ist «ein gutes Vorbild»
Weil ihr Asylantrag abgelehnt wurde, müssen zwei junge Eritreer ihre Lehre aufgeben, obwohl sie wohl weiter in der Schweiz bleiben. Ein Komitee will das mit einer Petition verhindern.
https://www.luzernerzeitung.ch/zentralschweiz/obwalden/burger-bekampfen-asylentscheid-ld.1080578

+++SCHWEIZ
NZZ am Sonntag 23.12.2018

Asyl: Kosten für Gratisanwälte steigen

Rechtsvertreter erhalten vierzig Prozent mehr als angekündigt – Politiker protestieren.

von Lukas Häuptli

Im nächsten März tritt die grosse Asylreform der Schweiz in Kraft. Ab dann wird das Land in sechs Asylregionen aufgeteilt, und in den dortigen Bundeszentren will das Staatssekretariat für Migration künftig sechzig Prozent aller Asylverfahren innerhalb von 140 Tagen erledigen. In der Vergangenheit hatten die Verfahren im Durchschnitt 230 Tage gedauert.

Die Reform, die Bundesrätin Simonetta Sommaruga 2011 in die Wege geleitet hatte, ist ein Beispiel dafür, wie man umstrittene Vorlagen – wie das Asylvorlagen immer sind – mehrheitsfähig macht. Die Justiz- und Polizeiministerin holte mit Grosskonferenzen Kantone und Gemeinden ins Boot.

Sie sicherte sich die Zustimmung der Bürgerlichen, indem sie diesen die Beschleunigung der Asylverfahren in Aussicht stellte. Und sie gewann die Linken, indem sie vorschlug, dass alle Asylsuchenden einen unentgeltlichen Rechtsvertreter, also einen Gratisanwalt, erhalten. So wurde aus der Reform eine Grossreform, die mehr als 500 Millionen Franken kostete. Doch das störte kaum: Im Juni 2016 wurde die Vorlage mit 67 Prozent der Stimmen angenommen.

Jetzt steht fest, dass die Kosten der Reform weiter steigen: Vor der Abstimmung hatte Sommarugas Justiz- und Polizeidepartement nämlich verlauten lassen, die Pauschale, die für die Rechtsberatung und Rechtsvertretung eines Asylsuchenden bezahlt werde, betrage 1361 Franken. Das sei Ergebnis eines Testbetriebs zur Asylreform.

Kosten in Millionenhöhe

In der Zwischenzeit hat das Staatssekretariat für Migration die entsprechenden Aufträge an verschiedene Nonprofitorganisationen vergeben, unter anderem an Caritas, ans Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) und an die Berner Rechtsberatungsstelle für Menschen in Not.

Jetzt belaufen sich die Pauschalen aber plötzlich auf 1717 bis 2218 Franken, wie aus den Vergabeentscheiden des Staatssekretariats für Migration hervorgeht. Diese sind auf der Internetseite www.simap.ch einsehbar. Im Durchschnitt ergibt das einen Beitrag von 1956 Franken für einen Gratisanwalt – oder vierzig Prozent mehr, als Sommarugas Departement vor der Abstimmung im Juni 2016 angekündigt hatte. Bei 20 000 Asylsuchenden im Jahr entstehen so Mehrkosten von fast zwölf Millionen Franken.

Wie kam es zu diesem Anstieg? Steckt Absicht dahinter? Immerhin waren die Gratisanwälte und ihre Kosten eine zentrale Frage im Abstimmungskampf. Das Staatssekretariat für Migration hält fest: «Die künftigen Pauschalen sind von den Anbietern im Rahmen der öffentlichen Ausschreibungen berechnet worden, nicht von uns. Wir haben schlicht das qualitativ beste Angebot zum besten Preis ausgewählt.»

Und was sagen die Anbieter zu den höheren Kosten? «Die angesprochenen Unterschiede ergeben sich aus unterschiedlichen Ausgangslagen», sagt Caritas-Sprecher Stefan Gribi. «Der Testbetrieb zur Asylreform war vor vier Jahren gestartet worden. Er diente als Grundlage dafür, dass die Rahmenbedingungen für die Rechtsvertretung geprüft und danach wo nötig angepasst werden können.»

Und Heks-Sprecher Dieter Wüthrich erklärt: «Im Testbetrieb fehlte noch die Erfahrung für eine verlässliche Einschätzung der tatsächlichen Kosten.» Mittlerweile gebe es aber entsprechende Evaluationen. Und: «Die Anforderungen und Rahmenbedingungen durch das Staatssekretariat wurden angepasst und neu definiert, weshalb die Kosten jetzt entsprechend höher veranschlagt werden müssen.»

«Ärgerlich und irritierend»

Der Anstieg der Kosten hinterlässt auch in der Politik einen schalen Nachgeschmack. «Der Testbetrieb entsprach nie der Realität», sagt SVP-Nationalrat Thomas Burgherr, dessen Partei die Gratisanwälte und mit ihnen die Asylreform von Anfang an bekämpfte. «Hier wurde den Bürgern Sand in die Augen gestreut.» Kritik äussern aber auch Vertreterinnen der Mitte und der Linken.

«Die Kostendifferenz ist ärgerlich und irritierend», sagt CVP-Nationalrätin Ruth Humbel. «Ich erwarte vom Justiz- und Polizeidepartement eine plausible Begründung für diese Differenz.» Und SP-Nationalrätin Silvia Schenker hält fest: «Vor allem gegenüber den Stimmberechtigten ist es störend, dass die Kosten auf einmal so viel höher sind.» Es sei aber klar, dass die unentgeltliche Rechtsberatung und Rechtsvertretung zentrale Elemente der Asylreform seien. «Diese müssen qualitativ gut sein.»

Die Uno rügt die Schweiz

Das Anti-Folter-Komitee der Vereinten Nationen (Uno) beurteilt die Abschiebung eines 29-jährigen Eritreers aus der Schweiz als unrechtmässig. Das Staatssekretariat für Migration hatte das Asylgesuch des Mannes im März 2016 abgelehnt und seine Wegweisung verfügt; im November 2016 stützte das Bundesverwaltungsgericht den Entscheid. Der Eritreer gelangte darauf mit einer Beschwerde an das Anti-Folter-Komitee. Dieses wacht über die Einhaltung der Anti-Folter-Konvention der Uno, welche in der Schweiz seit 1987 in Kraft ist.

Im Entscheid vom 7. Dezember 2018 hält das Komitee fest, dass das Staatssekretariat für Migration und das Bundesverwaltungsgericht keine Gewähr gehabt hätten, dass der Eritreer nach der Abschiebung in seine Heimat nicht Opfer einer Menschenrechtsverletzung werden würde. Die Behörden verfügten dafür über zu wenig Informationen. Zudem kritisierte das Komitee, dass der Asylsuchende von den Schweizer Behörden nicht in seiner Muttersprache befragt wurde, dass er bis zum ersten Asylentscheid keinen Gratisanwalt hatte und dass er für seinen Rekurs ans Bundesverwaltungsgericht einen Kostenvorschuss von 600 Franken zahlen musste. Aus all diesen Gründen habe die Schweiz gegen die Anti-Folter-Konvention verstossen, heisst es im Entscheid.

Damit muss das Staatssekretariat für Migration den Fall des 29-jährigen Eritreers neu prüfen. Ein Sprecher wies darauf hin, dass es für eine «vertiefte Analyse» des Entscheids des Anti-Folter-Komitees noch zu früh sei. (luh.)
(https://nzzas.nzz.ch/schweiz/asyl-kosten-fuer-gratisanwaelte-steigen-ld.1447223)


-> https://www.20min.ch/schweiz/news/story/Gratis-Anwaelte-fuer-Asylsuchende-teurer-16343482

+++JENISCHE/SINTI/ROMA
“Die Behörden haben Angst vor den Roma, weil sie nichts über sie wissen”
Stefan Heinichen engagiert sich seit mehr als dreissig Jahren im Kampf gegen die Diskriminierung der Roma in der Schweiz und im restlichen Europa. Die Weigerung der Landesregierung, die Roma als nationale Minderheit anzuerkennen, kann er nicht nachvollziehen.
https://www.swissinfo.ch/ger/anerkennung-von-minderheiten_-die-behoerden-haben-angst-vor-den-roma–weil-sie-nichts-ueber-sie-wissen-/44608000

Eine Maturaarbeit gegen Vorurteile: Kantischüler bemüht sich um Akzeptanz für Fahrende
Das Thema ist ihm wichtig, das ist spürbar, wenn Till Booz lebhaft von seinen Erlebnissen mit einer Gruppe französischer Roma erzählt. Nun möchte er sich für mehr Akzeptanz für diese Minderheit einsetzen. Als Weg dafür wählt er sein Maturaprojekt.
https://www.aargauerzeitung.ch/aargau/freiamt/eine-maturaarbeit-gegen-vorurteile-kantischueler-bemueht-sich-um-akzeptanz-fuer-fahrende-133876817

+++ANTIFA
Ermittlungen eingestellt: Mordaufrufe gegen Homosexuelle bleiben ungeahndet
Die Staatsanwaltschaft Zürich konnte nicht herausfinden, wer hinter der Neonazi-Band “Mordkommando” steckt, die in ihren Songs Lesben, Schwule und Juden mit dem Tod bedrohte. US-Behörden verweigerten die Kooperation.
https://www.queer.de/detail.php?article_id=32621

+++MITTELMEER
Flüchtlinge im Mittelmeer gerettet: Spanien will offenbar aufnehmen
Am Freitag waren mehr als 300 Flüchtlinge gerettet worden. Nachdem Italien und Malta sie ablehnten, soll sich nun Spanien zur Aufnahme bereit erklärt haben.
http://taz.de/Fluechtlinge-im-Mittelmeer-gerettet/!5561743/
-> https://derstandard.at/2000094640650/Spanien-nimmt-300-von-Italien-und-Malta-abgewiesene-Migranten-auf?ref=rss
-> http://taz.de/Seenotrettung-im-Mittelmeer/!5555264/

Neapel will die Boat-people von der Open Arms aufnehmen
„Wir werden euch aufnehmen und dann werden wir sehen, ob Salvini und Toninelli den Mut haben uns aufzuhalten“ – so heißt es in einer Erklärung der DemA, einer politischen Bewegung in Italien, der auch der Bürgermeister von Neapel angehört. „Es ist an der Zeit, sich dem staatlichen Rassismus zu verweigern und nicht Komplizen dieser Barbarei zu werden.“ Inzwischen hat sich auch Spanien bereit erklärt, die aus dem Mittelmeer geretteten Migrant*innen aufzunehmen.
https://ffm-online.org/spanien-nimmt-von-italien-und-malta-abgewiesene-migranten-auf/

NZZ am Sonntag 23.12.2018

Die Knochenjäger – wie Forensiker den Toten im Mittelmeer die Würde zurückgeben wollen

Vor fünf Jahren kenterte ein alter Fischkutter vor Lampedusa. 373 Menschen starben. Ohne Namen. Ohne Geschichte. Eine Forensikerin hat es sich zur Aufgabe gemacht, sämtliche Leichen zu identifizieren und ihre Namen zu finden. Was treibt sie an?

von Sacha Batthyany und Nicola Scevola (Mailand)

Jeden Morgen, bevor Mussie Shishay seine Kinder weckt, zündet er in seiner Küche eine Kerze an. Shishay ist Priester, er nennt sich Vater Mussie, ein schmächtiger, gutmütiger Mann, 34 Jahre alt, der einst mit dem Boot aus Eritrea flüchtete und nun hinter einer Tankstelle am Ortsausgang von Cham lebt, Kanton Zug.

Die Kerze brennt für seine Schwester. Auch sie floh übers Meer. Sie wollte studieren, wollte eine Familie gründen, sie sehnte sich nach Freiheit. Aber Hagerawit kam nie an.

Spricht Mussie Shishay über seine Schwester, entweicht die ganze Zuversicht, die ihn sonst ausmacht, aus seinem Körper wie die Luft aus einem Ballon; man kann mitansehen, wie aus dem strahlenden Vater Mussie ein in sich gekehrter Bruder wird, der zusammengekrümmt im Wohnzimmer sitzt und damit hadert, dass Gott so etwas zulässt.

«Ich weiss nicht, wo Gott war an diesem Morgen», flüstert er.

In den frühen Morgenstunden des 3. Oktober 2013, vor gut fünf Jahren, kenterte ein alter Fischkutter 800 Meter vor der Küste Lampedusas. Er war in der libyschen Hafenstadt Misrata losgefahren und schon seit zwei Tagen auf See, als der Motor ausfiel, mehr als 500 Männer, Kinder und Frauen, darunter Priester Mussies Schwester Hagerawit, 31, in Imbabaria geboren, grosse, kugelrunde Augen.

Die Menschen waren nun dem Wind und der Strömung ausgesetzt, die ersten Lichter auf Lampedusa aber bereits erkennbar, da zündete der Kapitän ein Leintuch an, um Hilfe zu holen. Er schwang es hin und her, ein Fetzen verfing sich im Maschinenraum, das Feuer geriet ausser Kontrolle. Einige sprangen ins Wasser, andere waren unter Deck eingesperrt.

Was an jenem 3. Oktober geschah, veränderte die jüngere europäische Geschichte. Vieles davon, was heute in den nationalen Parlamenten diskutiert wird und an Stammtischen von Rom bis Reykjavik für rote Köpfe sorgt, Grenzschliessung, Seenotrettung, Angst vor Überfremdung, begann an diesem milden Tag, als die Küstenwache Hunderte von Leichen aus dem Wasser zog, erst in Säcken auf dem Pier anordnete, wie Fische auf dem Markt, und später im Hangar Lampedusas aufbahrte.

Noch Tage später fanden Taucher Kinderleichen im Bootsinneren. Der Papst in Rom betete für die Toten. Die Schauspielerin Angelina Jolie flog ein, schüttelte Hände und flog wieder fort.

Schon vor dem Schiffsunglück vom 3. Oktober ertranken Flüchtlinge im Mittelmeer. Nie zuvor aber sah man so viele Särge auf einmal. Die Fernsehbilder über die Tragödie brachte die Flüchtlingskrise in die beheizten Stuben der Menschen Europas, die bis dahin so gut darin waren, auszublenden, was draussen auf dem Wasser täglich passiert. Wegsehen war nun nicht mehr möglich.

Viele, die damals vor fünf Jahren ertranken, wurden nie identifiziert. Je später die Körper geborgen werden, desto schlechter ist ihr Zustand. Die Fische saugen erst die Augen aus, heisst es in forensischen Berichten, später knabbern sie an den Extremitäten, den Fingern und Nasenspitzen.

Es gibt Hotelbesitzer, die davon abraten, Fische von der Südseite Lampedusas zu essen, da diese sich von verwesten Flüchtlingen ernährten. Sie meinen es als Scherz, aber lustig ist das nicht.

Als hätten sie nie gelebt

Cristina Cattaneo, 54, war zu Hause in Mailand, als sie erfuhr, was sich vor Lampedusa ereignet hatte. Cattaneo, eine zierliche Frau, blaue Augen, ist Forensikerin, eine Leichenschnipplerin, so nennen sie sich unter Berufskollegen. Zu ihrem Alltag gehört es, leblose Körper zu untersuchen, um die Todesursache festzustellen. «Knochen sprechen», sagt sie.

In ihrem Kopf formte sich eine Frage, die sie seitdem nicht mehr loslässt: Nach jedem Unglück, sei es ein Erdbeben, sei es ein Flugzeugabsturz, wird alles unternommen, um die Toten zu identifizieren. Da reisen Spezialisten an und nehmen DNA-Proben, da werden Angehörige informiert und im Trauerprozess begleitet, weil es sich so gehört.

Selbst in blutigen Kriegen wird oftmals ein respektvoller Umgang mit den Leichen eingehalten. Nur um die namenlosen Flüchtlinge, die im Wasser ertrinken oder auf der Überfahrt übers Meer verdursten, kümmert sich niemand, dachte sie. Sie sterben anonym, ohne Namen, ohne Geschichte, als hätten sie nie gelebt.

Warum ist das so, fragte sich Cattaneo. Weil die Opfer schwarz sind? Wäre es anders, wenn es Japaner wären, Dänen oder Australier?

Vielleicht lag es an ihrer privaten Situation, dass sie die Flüchtlinge in ihren Leichensäcken nicht mehr vergessen konnte. Cattaneos Vater war kurz vor der Tragödie gestorben. Sie hatte schon oft mit Angehörigen von Opfern zu tun, hatte versucht, sie in ihrer Trauer zu unterstützen.

Aber erst jetzt verstand sie, was es wirklich bedeutet, «auf der anderen Seite zu stehen» und jemanden, den man liebt, zu verlieren. Sie entschied sich, alles dafür zu tun, die Opfer des Schiffsunglücks vom 3. Oktober zu identifizieren.

Seitdem vergeht kein Tag, an dem Cattaneo nicht in ihrem Labor in Mailand steht und jedem Hinweis nachgeht, um etwas über die Verstorbenen zu erfahren. Als würde sie ein grosses Puzzle lösen.

Sie tut es aus Respekt vor den Verstorbenen. Sie tut es aber vor allem auch für die Angehörigen, Mütter und Väter, zumeist in Krisengebieten oder abgelegenen Dörfern irgendwo in Afrika, die auf eine Nachricht warten und nicht wissen, ob ihrer Söhne und Töchter noch am Leben sind.

Cattaneo gilt als Workaholic, Arbeitskollegen bezeichnen sie als «besessen». Sie wollte einst das Schiffswrack von Lampedusa nach Mailand bringen und es im Innenhof der Universität aufstellen lassen. Als Mahnmal unserer Zeit. Doch ihr Vorhaben scheiterte an der Finanzierung. «Eine Gesellschaft wird nicht nur daran gemessen, wie sie sich um die Lebenden kümmert», sagt sie. «Sondern auch um die Toten.»

Keine Möwen, sondern Menschen

An diesem Morgen, der Europa verändern sollte, erwachte der Fischer Vito Fiorino aus unruhigem Schlaf. Er hatte die Nacht mit seinen Freunden auf seinem Schiff verbracht und zu viel getrunken, so erzählt er es.

Sie hatten in der Nähe der Isola dei Conigli geankert, gleich neben Lampedusa, und wollten im Morgengrauen ein bisschen angeln und Spass haben, als sie seltsame Schreie hörten. Erst dachten sie, es seien Seemöwen, die diese gellenden Laute von sich gaben. Verschlafen blickte Fiorino aufs Wasser, als er merkte, das sind keine Möwen. Das sind Menschen. Hunderte Menschen. Sie schreien um ihr Leben.

«Das Wasser war nicht kalt, aber voller Diesel», sagt Yosep, 25, einer der 155 Überlebenden. Er ist Eritreer, wie Hagerawit, Mussies Schwester. An jenem Morgen, als das Feuer ausbrach, befand er sich unter Deck. Durch ein Bullauge sprang er ins Meer, es war kurz nach vier Uhr morgens. «Um mich herum waren überall Menschen. Sie japsten nach Luft, hielten sich, weil ich schwimmen kann, an mir fest und zogen mich unter Wasser. Immer wieder, bis ich fast ertrank. Einer hing sich an mein Bein. Ich musste mich freistrampeln, um zu überleben.»

Fiorino, der Fischer, warf Rettungsringe ins Wasser. Er hatte Angst, er würde mit seiner Schiffsschraube jemanden verletzen. Es war schwierig, sagt er, die Menschen an Deck zu ziehen, die meisten seien nackt gewesen, ihre Haut ölig vom Diesel, die Augen nach drei Stunden im Wasser «rot wie Glut».

«Es war traumatisch», sagt Yosep. «Ich musste zusehen, wie meine Freunde vor meinen Augen ertrinken, und ich konnte nichts für sie tun.»

Fiorinos Boot, die «Gamar», benannt nach seinen Neffen Gabriel und Martina, hat Platz für 10 Personen. Fiorino rettete 47. «Ich bin kein Held, nur ein einfacher Fischer», sagt er.

Yosep sagt: «An diesem 3. Oktober 2013 wurde ich neu geboren.»

Fünf Jahre nach dem Unglück fallen sich Vito Fiorino und Yosep Mebrahom auf Lampedusa in die Arme. Der Fischer und der junge Mann aus Eritrea, der heute in Norwegen lebt und vor kurzem geheiratet hat, gedenken gemeinsam mit Angehörigen aus der ganzen Welt der Tragödie von damals.

Die italienische Regierung hat den 3. Oktober zum Gedenktag der Opfer der Flüchtlingskrise ernannt. Auf Lampedusa gibt es mehrere Messen, einen Strassenumzug, der Bürgermeister Totò Martello wirft einen Blumenkranz ins Wasser an jener Stelle, an der der Kutter unterging.

Es sind stille Momente auf dieser kargen Insel. Menschen stehen in Gruppen zusammen und blicken hinaus aufs Meer. Einige beten, andere weinen und rufen die Namen der Verstorbenen und Vermissten in den Wind.

373 Menschen ertranken am 3. Oktober 2013, die meisten kamen aus Eritrea, so wie Yosep, so wie Hagerawit, die Schwester von Priester Mussie, in dessen Küche eine Kerze für sie brennt. Seit damals sind über 18 000 Menschen auf der Flucht übers Meer ertrunken. Im Durchschnitt rund 10 am Tag.

Es gibt Schiffe, sogenannte Ghost Boats, von denen man Passagierlisten kennt, man weiss, aus welchen Häfen sie losfuhren, danach aber verliert sich jede Spur. Keine Leichen. Kein Wrack. Hunderte von Menschen vom Meer verschluckt. Anders als beim Flug 370 der Malaysia Airlines, die ebenfalls verschwand und eine internationale Suche auslöste, interessiert das bei Migranten niemanden.

Es ist noch dunkel, als Priester Mussie den Lokalbus Nr. 48 in Cham besteigt und zum Kloster Heiligkreuz fährt. Er stammt aus einer eritreischen Intellektuellenfamilie und floh vor der Geheimpolizei, die ihn, den Priester, bedrohte. Jeden zweiten Samstag hält er für seine katholische Glaubensgemeinschaft einen Gottesdienst, 30 bis 40 Menschen, die frühmorgens kommen und gegen 11 Uhr wieder in Asylunterkünften und unscheinbaren Wohnungen irgendwo im Siedlungsbrei von Schweizer Vororten verschwinden.

Er legt die Bibel auf sein Rednerpult, stellt die Hostien auf den Altar. Über seine verstorbene Schwester oder die Flucht übers Meer spricht er während der Messe nie. «Ich bin der Priester», sagt Mussie und lacht. «Ich fülle die Herzen der Menschen mit Liebe. Nicht mit Trauer.»

Er habe nach dem Schiffsunglück vor fünf Jahren alles dafür getan, um seine Schwester noch einmal zu sehen, sagt er, als er wieder zurück in seiner Wohnung ist. Seine Frau hat Brot gebacken, die Kinder sitzen vor dem Fernseher. Doch die italienischen Behörden erlaubten es ihm nicht.

Cristina Cattaneo, die Forensikerin aus Mailand, kennt er nicht. Er versuchte es auf eigene Faust. Fuhr nach Sizilien. Er wollte Hagerawits Leichnam zurück nach Eritrea bringen lassen, doch Mussies Anträge blieben unbeantwortet.

Die Behörden auf Lampedusa und Sizilien waren überfordert mit den vielen Toten. Nie zuvor hatten sie mit einer solchen Tragödie zu tun. Dazu kam die ganze Bürokratie: Es sind zwar Menschen gestorben, aber es war keine Naturkatastrophe. War es dann ein Verbrechen? Welches Amt war zuständig? Und was soll mit den Leichen geschehen?

Es musste alles schnell gehen, denn die Weltöffentlichkeit sah zu. Eritreas Diktator Isayas Afewerki verkündete, er weigere sich, die Opfer anzuerkennen, denn ihre Herkunft sei fraglich. Seit Jahren schweigt er sich über die Schicksale der Menschen aus, die sein Land aus Angst vor Repression verlassen, weil er sich keinen unangenehmen Fragen stellen will.

Menschen zweiter Klasse

Also wurden Hagerawits Überreste in ein anonymes Grab gelegt, ganze eritreische Familien liegen kreuz und quer verteilt auf Friedhöfen irgendwo in Sizilien: Erst nahm das Meer Hagerawits Leben, dann nahmen Behörden ihren Leichnam.

Statt eines Namens tragen die all die Toten des Meeres Nummern wie Vieh, weil man nichts über sie weiss. Und nicht mal die Nummern stimmen.

Bei der Zusammenstellung der Listen aller Opfer seien die Nummern durcheinandergeraten, bestätigt auch eine Untersuchung der Universität Bologna. Wenn Vater Mussie und all die anderen Angehörigen die Gräber ihrer Verstorbenen besuchen, um Abschied zu nehmen, können sie nicht einmal sicher sein, vor dem richtigen Grabstein zu stehen.

Der verlorene Kampf um Hagerawits Überreste und das Chaos mit den Nummern ist für Vater Mussie ein Symbol dafür, wie wenig Migranten wie er auf dieser Welt zählen. Menschen zweiter Klasse. Priester Mussie sagt es nicht, weil er zurückhaltend ist, aber natürlich wäre alles anders, würde es sich um Schweizer Familien handeln.

«Ich kann nichts mehr für Hagerawit tun, ausser täglich für sie zu beten», sagt er. Aber seine Mutter könne nicht loslassen, könne den Verlust nicht überwinden, solange sie die Leiche nie zu Gesicht bekomme. «Sie redet sich ein, Hagerawit lebe vielleicht noch. Diese Ungewissheit macht sie krank», sagt Priester Mussie.

Aus seinem Wohnzimmer in Cham unterhält er eine Facebook-Seite, auf der er Eritreer berät, die ihre vermissten Verwandten suchen. Er bringt Menschen, die sich auf der Flucht verloren haben, zusammen. Hilft Angehörigen, an Informationen zu gelangen, Gräber zu suchen, Todeslisten nach Namen zu durchkämmen.

«Viele sind traumatisiert, sie haben alles verloren.» Vater Mussie erteilt Ratschläge, ist Priester und Therapeut in einem – und ein bisschen was hat er auch von Cattaneo, der Forensikerin: Er will die Menschen von der Qual erlösen, nicht zu wissen, was mit ihren Angehörigen passiert ist.

Das Schiffsunglück vom 3. Oktober hat nicht nur das Leben von Mussie Shishay verändert, es brachte auch politisch vieles ins Rollen. Die italienische Regierung rief Mitte Oktober 2013 die Operation Mare Nostrum ins Leben, eine humanitäre Mission: 5 Marineschiffe, mehrere Flugzeuge und Drohnen hielten Ausschau nach Menschen in Not, bis zu 90 Seemeilen von der italienischen Küste entfernt.

100 000 Menschen wurden in einem Jahr gerettet, 728 Schlepper festgenommen. Doch schon 2015 wurde Mare Nostrum eingestellt und durch die Operation Triton, eine reine Grenzsicherung, ersetzt, weil die Kosten explodierten, weil es hiess, man schaffe einen Anreiz, damit noch mehr Flüchtlinge den Weg übers Meer auf sich nähmen.

In der Öffentlichkeit aber herrschte eine weit verbreitete Solidarität, die im Flüchtlingssommer 2015 gipfelte, als in einem Jahr beinahe drei Millionen Menschen Asyl in Europa beantragten und Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte: «Wir schaffen das.»

Europa wird zur Festung

An den Stränden Lampedusas, so erzählen es Einheimische, standen sich die Vertreter der Hilfsorganisationen auf die Füssen. Dazu gesellten sich Abenteurer, Familienväter und Schüler, die sich nützlich machen und gleichzeitig etwas erleben wollten, und bald nicht mehr wussten, wohin mit den Kleidern, die sie über Facebook gesammelt hatten. Politisch begann der Wind da schon zu drehen.

Im März 2016 schotteten sich Länder wie Österreich, Serbien und vor allem Ungarn ab, das gegen den Willen der EU die Grenzen mit rasiermesserscharfem Stacheldraht dichtmachte. Eineinhalb Jahr später wird Sebastian Kurz, bekannt für seine beinharte Migrationspolitik, Bundeskanzler in Österreich.

Die Anti-Migrations-Partei AfD wird in Deutschland drittstärkste Kraft, und in Ungarn gewinnt der Rechtspopulist Viktor Orban im April 2018 die Wahlen mit einem Programm, das in erster Linie vor einer Islamisierung des Landes warnt, obwohl es in Ungarn kaum Muslime gibt. Flüchtlinge bezeichnet Orban als «muslimische Invasoren».

Noch deutlicher drückt sich nur Matteo Salvini aus, der Innenminister Italiens. Für ihn sind all jene, die übers Meer kommen, «Menschenfleisch» und die Seenotretter, die sie vor dem Tod bewahren und einst als Helden gefeiert wurden, kriminell: Der Tod wird neuerdings in Kauf genommen.

Dies alles geschah in nur fünf Jahren, in denen Europa zur Festung wurde und sich nicht anders zu helfen weiss, als Deals mit der Türkei und libyschen Milizen zu schliessen, die die Flüchtlinge vor einer Weiterreise nach Europa abhalten sollen. Vor allem die Zustände in den Gefängnissen in Libyen seien «an Grausamkeit nicht zu überbieten», steht in einem Bericht der Hilfsorganisation «Ärzte ohne Grenzen».

Kinder kommen in Haftanstalten, Frauen werden vergewaltigt, Männer gefoltert. Eritreer in der Schweiz erzählen, sie wurden nackt aufgehängt und mit Honig und Milch übergossen, was Millionen von Fliegen anlocken würde, die in alle Körperöffnungen kriechen. Einem sei der Penis abgeschnitten und in den Mund gesteckt worden, weil er sich geweigert habe, seine Halskette, an der ein Holzkreuz hing, abzunehmen.

Die Handschrift des Bruders

«Gegen die schleichende Entmenschlichung der Tragödie auf dem Meer hilft nur, die Geschichten der Flüchtlinge zu erzählen», sagt Cattaneo, die Forensikerin, in ihrem Labor in Mailand, in dem ihre Mitarbeiter hinter Mikroskopen sitzen, DNA analysieren, verwaschene Dokumente begutachten, die ans Ufer geschwemmt wurden, Knochensplitter, Zahnbürsten, Kinderzeichnungen. Ein Name allein würde aus einer blossen Statistik bereits einen Menschen machen, sagt sie. Es sei das einzige Rezept gegen die Gleichgültigkeit.

Der zunehmend migrationsfeindliche Kurs auch ihres Landes hat sie nicht etwa gelähmt, sondern nur darin bestärkt, ihre Arbeit noch gründlicher fortzuführen. Sie will beweisen, dass ihr System funktioniert; dass es möglich ist, mittels DNA-Analyse und den gefundenen Gegenständen der Verstorbenen die Angehörigen ausfindig zu machen.

Mehrfach rief sie Flüchtlinge in Italien öffentlich dazu auf, sich bei ihr zu melden, sollten sie jemanden vermissen, den sie auf einem der Schiffe vermuteten. Sie ist angewiesen auf diese Befragungen, Forensiker sprechen von Ante-mortem-Daten: frühere Knochenbrüche, Tätowierungen, Muttermale, Augenfarbe, vor allem aber die Zahnstellung interessiert sie, weil sich Auffälligkeiten vielleicht wiederfinden lassen im Gebiss der Schädel, die sie vermass.

Sie vergleicht die Informationen mit denen, die sie von den Toten gesammelt hat, den sogenannten Post-mortem-Daten. Später geht sie mit den Angehörigen die Fotos der Leichen durch, allerdings zeigt sie nur jene, deren Anblick erträglich ist. Und sie präsentiert persönliche Gegenstände, die man im Schiff fand oder am Ufer, wobei sie schon Unglaubliches erlebte.

Einmal meldete sich eine Frau aus Eritrea, die ihren Bruder suchte. Er soll sich auf dem Kutter befunden haben, der am 3. Oktober kenterte. Doch die Befragung ergab keine Resultate, auch auf den Fotos erkannte sie ihn nirgends. Bis die Frau unter den Fundstücken ein kleines Stück Papier entdeckte und zu weinen begann: Sie erkannte ihre eigene Telefonnummer in der Handschrift ihres Bruders.

Die Regierung will keine Aufklärung

Im April 2015 sank ein weiteres Flüchtlingsboot aus Libyen auf dem Weg nach Italien mit über 1100 Menschen. Nie zuvor gab es bei einem Schiffsunglück mehr Opfer. Monatelang waren die Körper eingeschlossen im Wrack, 400 Meter unter Wasser. Als das Schiff endlich geborgen und auf einen Marinestützpunkt auf Sizilien gebracht wurde, war Cattaneo die Erste, die den Tatort begehen durfte.

Sie hatte sich in der kurzen Zeit bereits einen Ruf als Spezialistin für Schiffsunglücke erworben und wurde mit der Betreuung weiterer Tragödien beauftragt. Im Unterschied zum heutigen Innenminister Matteo Salvini, der von Cattaneos Arbeit wenig hält und ihr laufend Gelder streicht, unterstützte sie der damalige Ministerpräsident Matteo Renzi 2015 und gab ein Versprechen ab: Jede einzelne Leiche wird identifiziert.

In Jeans und einem weissen T-Shirt stieg Cattaneo ins unterste Deck des Bootes, der Boden war bedeckt mit Leichenteilen, Hunderten von Gliedmassen, halbzersetzten Schädeln, was ihr Aufschluss darüber gab, dass die Menschen vor der Abreise eingepfercht wurden wie Sardinen.

Ammoniak stach ihr in die Nase, ein Zeichen, dass sie sich beeilen musste, weil die Maden sich ausbreiteten und sich das tote Material, das ihr so wichtige Informationen liefert, immer mehr zersetzte. Feuerwehrmänner beförderten daraufhin die Überreste aus dem Schiff ins Freie. Aus Respekt vor den Toten verrichteten sie ihre Arbeit auf den Knien. Sie wollten nicht auf den Menschen stehen.

Die letzte Leiche war ein Mann aus Gambia. In seiner Jackentasche fand Cattaneo Feigensamen.

«Bei der Identifikation der Toten geht es nicht nur um humanitäre Fragen, sondern um juristische Angelegenheiten», sagt Cattaneo. Sie kenne den Fall eines Mädchens in Somalia, dessen Mutter ertrank und nun ganz alleine sei. Es habe zwar eine Tante in Schweden, die sie gerne aufnehmen würde, nur sei dies ohne Sterbeurkunde der Mutter nicht möglich.

«Deshalb ist die Suche nach den Toten und Vermissten so wichtig. Es geht um das Leben der Hinterbliebenen. Um Witwen, die ohne offizielle Bestätigung, dass sich ihr Mann unter den Opfern befand, keine Rente erhalten oder nicht wieder heiraten dürfen.»

Cattaneo ist nicht die einzige Knochenjägerin. Auch der Peruaner José Pablo Baraybar vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), ebenfalls Forensiker, hat das Mittelmeer neuerdings im Visier. Er kümmerte sich davor schon um den Genozid in Ruanda, um die Vermissten im Balkankrieg. Menschliche Greuel sind ihm vertraut.

Im IKRK gehe man mathematisch vor und verstehe die globale Migration als Netzwerk mit Dutzenden Variablen, die sich gegenseitig beeinflussten, sagt Baraybar am Telefon in seinem Büro in Paris.

«Das Rote Kreuz führt zum Beispiel zwei Telefonkabinen in Agadez, Niger, von wo viele der Migranten ihre Angehörigen anrufen, bevor sie sich aufmachen und die Wüste überqueren. Aus diesen Gesprächen gewinnen wir Informationen. Wir schreiben die Namen und die Herkunft auf. Landet einer dieser Namen auf einer Todesliste eines Schiffs, haben wir zumindest eine Nummer. Wir wissen aber auch, mit wem die Anrufer unterwegs waren, was uns weitere Hinweise liefert. So versuchen wir uns heranzutasten.»

Entscheidend sei eine genaue Analyse der Daten. Doch schon hier begännen die Probleme, weil jede Region, ob Griechenland oder Italien, anders vorgehe. «Meist entscheiden lokale Behörden, wie bei einer Tragödie vorzugehen ist und welche Daten gesammelt werden, was die Arbeit von uns Forensikern erschwert», sagt Baraybar.

Jeder Mensch möchte wissen, was mit seinen Familienmitgliedern geschehen ist und ob und wie sie gestorben sind. Es sei ein Menschenrecht, sagt der Mann vom IKRK, unabhängig davon, welcher Religion man angehöre. «Wer nicht weiss, wo sich der Sohn oder die Tochter befindet, ob sie im Meer ertrunken oder in der Wüste verdurstet sind, wird verrückt.» Man zermartere sich das Gehirn, weil man sich dauernd frage: Und was, wenn sie noch leben?

Vier Töchter verschwunden

Man müsse es sich so vorstellen, sagt Nicole Windlin, wie wenn man als Schweizer Familie seine Kinder auf der Fahrt nach Italien an der Tankstelle verliert und über Jahre nicht mehr findet. So fühlen sich Hunderttausende von Menschen in Afrika und auf der ganzen Welt, die nichts mehr von ihren Angehörigen hören.

Windlin leitet den Suchdienst des Roten Kreuzes in Bern zusammen mit Anna Fadini, sie arbeiten mit Baraybar und Cattaneo zusammen – und werden im nächsten Jahr ein neues Projekt starten, in dem sie Ante-mortem-Daten verschollener Migranten erfassen.

«Während eine Schweizer Familie, die ihre Kinder vermisst, zur Polizei gehen kann, haben es Asylsuchende ungleich schwieriger. Es fühlt sich niemand zuständig für sie, da ihre verschwundenen Familienmitglieder gar nie in der Schweiz waren.» Auch juristisch stünden sie vor höheren Hürden. «Was, wenn sie die Überreste ihres Kindes zu sich in die Schweiz holen wollen, weil sie nun mal hier leben: Dürfen die das überhaupt?»

An einem regnerischen Dezembertag in Genf, Universitätsspital, 8. Stock, nimmt Cristina Cattaneo gemeinsam mit dem Rechtsmediziner Tony Fracasso ein syrisches Ehepaar in Empfang. Sie haben beim Schiffsunglück vom 3. Oktober ihre vier Töchter verloren. Seitdem warten sie auf Informationen, sie haben nie erfahren, was im letzten Moment im Leben ihrer Kinder geschah.

In einem kleinen Büro werden sie von Cattaneo befragt: Alter, Knochenbrüche, Körperstruktur, Zahnstellung. Sie geht vor, wie sie das immer tut. Sie nimmt sich Zeit, Taschentücher stehen bereit.

Es ist ein schmerzhafter Prozess für alle Beteiligten, weil die Eltern sich nicht an körperliche Details ihrer Kinder erinnern wollen, die psychische Qual ist zu gross. Die Forensiker aber sind auf die genaue Beschreibung angewiesen. Gemeinsam schauen sie sich Fotos der Leichen an. Man zeigt ihnen ein paar Fundgegenstände, doch die beiden schütteln den Kopf.

Es ist das erste Mal, dass Cattaneo solche Befragungen ausserhalb Italiens durchführt. Sie verspricht sich neue Erkenntnisse, neue Spuren. In den fünf Jahren seit der Schiffstragödie 2013, die Europa veränderte, hat Cristina Cattaneo Daten von mehr als 1484 Leichen toter Flüchtlinge gesammelt.

Sie hat 37 davon identifiziert und ihre Namen ausfindig machen können. In 98 Fällen sei sie nahe dran, sagt sie. «37 Familien, die wir über den Tod ihrer Liebsten informieren konnten», fasst Cattaneo ihre Arbeit der vergangenen Jahre trocken zusammen, klappt ihre Akten zu und ist schon wieder auf dem Weg zum nächsten Termin.

Es klingt nach nichts. Ein Tropfen im Meer. Es bedeutet alles.
(https://nzzas.nzz.ch/hintergrund/fluechtlinge-im-mittelmeer-suche-nach-namenlosen-toten-ld.1447222)

Fischer Vito Fiorino: «Das Meer war voller Menschen, die um Hilfe schrien»
https://youtu.be/RcMtndfH2hY

Die Forensikerin Cristina Cattaneo will den Toten im Mittelmeer einen Namen geben
https://youtu.be/bRYg06SbNXs