Medienspiegel 11. März 2018

+++GENF
Kein Bundeslager in Grand-Saconnex noch anderswo
In Grand-Saconnex beim Flughafen von Genf befindet sich zurzeit das Wohnheim Tilleuls für geflüchtete Familien und Einzelpersonen. Dieses soll zewcks des Baus eines grossen Komplexes bestehend aus einen Bundeslager für Asylsuchende mit 250 Plätzen, einem Administrativgefängnis mit 50 Plätzen sowie einer Polizei- und Zolldienststelle in den nächsten Monaten abgerissen werden.
https://barrikade.info/Kein-Bundeslager-in-Grand-Saconnex-noch-anderswo-889

+++SCHWEIZ
Tamile wird nach Rückschaffung gefoltert: Bund muss Entschädigung zahlen
ASYL ⋅ Nach der Ausschaffung aus der Schweiz wurde ein abgewiesener Asylbewerber in Sri Lanka verhaftet und gefoltert. Jetzt muss der Bund das Opfer für das erlittene Leid finanziell entschädigen.
http://www.luzernerzeitung.ch/nachrichten/schweiz/bund-buesst-fuer-verfehlte-ausschaffung;art178472,1214902

Tiefe Asylzahlen führen zu neuen Problemen
Die Asylzentren des Bundes sind nur zur Hälfte belegt. Das treibt die Kosten auf bis zu 350 Franken pro Unterbringungstag.
https://www.tagesanzeiger.ch/sonntagszeitung/tiefe-asylzahlen-fuehren-zu-neuen-problemen/story/27223159

https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=2025439437697377&id=2020730971501557

PLEASE SHARE  – BITTE TEILEN – 10.03.2018 – Waisenhausplatz, Bern

FORDERUNGEN DER DEMONSTRIERENDEN FÜR DIE NEUE REGELUNG DES F-AUSWEISES
Sehr geehrte Damen und Herren, Nationalrats- und Ständeratsmitglieder, Staatssekretariat für Migration, politische Parteien, Menschenrechts- und Flüchtlingsorganisationen in der Schweiz.

Seit dem zweiten Weltkrieg waren nie mehr so viele Menschen auf der Flucht wie heute, was uns alleine die weltweiten Kriege und Krisen immer wieder vor Augen führen. Die Menschen auf der Flucht, die hier in der Schweiz Schutz suchen, haben keine andere Wahl und sind nicht hierher gekommen, um zu profitieren, sondern waren zur Flucht gezwungen.

Schauen wir beispielsweise die Situation in Afghanistan an. Seit 40 Jahren wird der Alltag von Instabilität bestimmt. Herrschende aus anderen Ländern führen dort stellvertretend Krieg. Es gibt furchtbare Diskriminierung gegen Minderheiten, Frauen, Kinder und Angehörige verschiedener Religionen. Es gab und gibt immer noch schlimme Massaker und Menschen leiden, jeden Tag. Es gibt viele terroristische Gruppen und die sogenannte Regierung kann die Situation nicht stabilisieren – es besteht keine Sicherheit für die Bevölkerung. Die Situation in Syrien, Irak, Sudan, Eritrea usw. ist nicht anders.

Wir sollten alle unsere Augen öffnen. Nur dann können wir – auch aus grossen Entfernung – die ganze Grausamkeit und Kriminalität wahrnehmen.

Die Aussenpolitik der Schweiz, die sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzt ist weltbekannt. Leider gibt es in der Innenpolitik der Schweiz sehr harte Gesetze, die sich vor allem gegen geflüchtete Menschen richten. Das beste Beispiel ist die Existenz des F-Ausweises.

Momentan gibt es rund 41’000 Flüchtlinge, die mit einem F-Ausweis in der Schweiz leben. Die meisten sind aus Syrien, Eritrea, Afghanistan, Somalia und Irak. Sie sind aus ihren Ländern geflüchtet, aber sie wurden hier in der Schweiz nicht als “Flüchtlinge” anerkannt. Sie können NICHT in ihre Heimat zurückkehren, denn dort wurden sie bereits vor ihrer Flucht täglich von Krieg, Selbstmord-Attentaten, Inhaftierungen, Verfolgung usw. bedroht. Ihr Leben ist dort in Gefahr.
Wir, die Demonstrierenden, sind von der ganzen Schweiz hierher gereist und zusammen gekommen, um unsere Einwände gegen den F-Ausweis mitzuteilen. Unsere Forderungen lauten wie folgt:

1. Wie durch Genfer Flüchtlingskonvention 1951 verabschiedet wurde, sollen Menschen auf der Flucht, die Schutz suchen, Asyl bekommen. Der F-Ausweis verletzt aufgrund seines rechtlichen Inhalts die Menschenrechte. Wir verlangen deshalb von der Schweiz, dass sie die Grundlagen des F-Ausweises verbessert und den Geflüchteten tatsächlichen Schutz bietet.

2. Ein Leben mit der Familie ist ein Grundbedürfnis aller. Doch dieses Recht wird den Besitzer_innen des F-Ausweises verwehrt. Die Abwesenheit der Familie und der Gedanke daran, was ihnen passieren könnte, führt zu einem enormen psychischen Druck. In einer solchen Situation werden die betroffenen Menschen psychisch instabil und krank. Eine Möglichkeit zur Verbesserung der Situation und eine enorme Integrationshilfe ist die Einschulung der Kinder. Durch die Einschulung wächst sowohl das Beziehungsnetz der Kinder, wie auch der Eltern, wodurch man “gezwungen” wird, sich mit dem Erziehungs- und damit mit dem Wertesystem des neuen Heimatlandes auseinander zu setzen. Durch die Teilnahme an Elternabenden, Schulfesten und den Beziehungen zu anderen Eltern, Lehrer_innen und der Schule wird die Integration nachhaltig positiv beeinflusst. Wir fordern deshalb eine Ermöglichung und Beschleunigung beim Familiennachzug.

3. Reisen ist ein Teil jedes Lebewesens auf der Erde. Jedes Jahr reisen viele Schweizer_innen ins Ausland um sich eine Auszeit zu nehmen oder andere Länder zu besichtigen und dann mit neuer Kraft wieder mit der Arbeit zu beginnen. Die Menschen mit einem F-Ausweis haben
dieses Recht nicht. In der Tat fühlen sie sich wie in einem geografischen Gefängnis. So kann das Kind von vorläufig aufgenommenen Eltern nicht an einer Schulreise ins benachbarte Frankreich oder Deutschland teilnehmen. Auch können Familienangehörige, die im Nachbarland leben, nicht besucht werden, obschon wertvolle Tipps für die Integration durch die Pflege eines familiären und sozialen Netzes einen nachhaltig positiven Einfluss auf Einzelne haben können. Aus diesem Grund fordern wir das gleiche Recht auf Bewegungsfreiheit wie jedes anderen freien Menschen.

4. Nach Angaben des SEM leben rund 41’000 geflüchtete Menschen mit F-Ausweis in der Schweiz. 8 von 10 beziehen Sozialhilfe. Eine Erleichterung zum Wechsel des Wohnkantons würde eine enorme Verbesserung der Lebensrealität bedeuten. So sind Menschen, die einem kleinflächigen Kanton – wie Schwyz, Nidwalden, Obwalden, Glarus oder Uri – zugeteilt werden, oftmals ohne Eigenschuld sowohl bei der Wohnungssuche, der Arbeitssuche, aber auch durch weniger ausgeprägte Systeme zur Hilfe der Integration, grundlos benachteiligt. Dabei reicht auch eine Namensänderung des F-Ausweises nicht aus. So verändert eine Namensänderung des Ausweises nichts am rechtlichen Status der Person und der somit unklaren Zukunft des betroffenen Menschen. Solange die Arbeitgeber_innen den Eindruck erhalten, dass Menschen mit F-Ausweis in weniger als einem Jahr wieder in ihre Heimat zurückkehren müssen, hat niemand Interesse daran, diese Personen anzustellen oder auszubilden. Wenn Menschen mit F-Ausweis so viele Steine in den Weg gelegt werden, wie sollen sie sich dann in der Arbeitswelt integrieren und selbstständig werden? Wir, die Demonstrierenden, möchten NICHT nur den Namen des Ausweises verändern, sondern wollen die grundlegenden Bedingungen, die an ihn geknüpft sind in Frage stellen und verändern. Wir fordern keine Diskriminierung und mehr Unterstützung bei der Integration und der Arbeitssuche.

5. Geflüchtete Menschen mit F-Ausweis werden in einem demokratischen Land wie der Schweiz als Bürger_innen zweiter Klasse betrachtet. Rechtlich gesehen haben Menschen mit F-Ausweis weniger Rechte als Menschen mit einem B oder C-Ausweis. Menschen mit F-Ausweis sind bei der Integration sowohl bei Sprachkursen, wie auch bei der Aufnahme an Hochschulen und Universitäten usw. eingeschränkt. Trotz dieser Situation soll man sich in die Gesellschaft integrieren. Wie? Menschen mit F-Ausweis ist es nicht einmal möglich, eine SIM-Karte zu kaufen, und doch sollen sie für die Arbeits- und Wohnungssuche immer erreichbar sein. Vorläufig aufgenommene Flüchtlinge brauchen den gleichen Schutz wie alle anderen Flüchtlinge. Die Erfahrungen zeigen, dass vorläufig aufgenommene dauerhaft in der Schweiz wohnhaft bleiben und eine rasche Integration sowohl im Interesse der Betroffenen, wie auch im Interesse der Schweiz selbst ist.

Möglichkeiten zur Integration sollen vorläufig aufgenommenen Personen nicht vorenthalten werden. So wollen sie, wie alle anderen auch, auf eigenen Füssen stehen. Unsere Forderungen sind klar: Wir fordern eine neue Regelung des F-Ausweises und dadurch eine bessere Zukunft für geflüchtete Menschen in der Schweiz. Wir verlangen, dass der Bundesrat den rechtlichen Inhalt dieses Ausweises genauer prüft und sich um unsere genannten Standpunkte kümmert.

Wir hoffen, dass die Schweiz unsere Forderungen wahrnimmt und sich für die Verbesserung der Bedingungen, die an den Besitz des F-Ausweises geknüpft sind, kümmert.

Freundliche Grüsse
41,000 Menschen
in der Schweiz

500 demonstrieren gegen „F-Ausweis-Diskriminierung“
Mit dem Ausweis F dürfen Asylbewerber kurzzeitig in der Schweiz bleiben, müssen sich aber mit zahlreichen Einschränkungen arrangieren.
https://www.telebaern.tv/118-show-news/22261-episode-samstag-10-maerz-2018#500-demonstrieren-gegen-f-ausweis-diskriminierung
-> https://telebasel.ch/2018/03/10/ueber-500-asylsuchende-demonstrieren-gegen-f-ausweis/?channel=105105
-> https://www.facebook.com/Stopp-Diskriminierung-durch-F-Ausweis-2020730971501557
-> Fotos: https://www.facebook.com/bleiberecht.bern/posts/2027332817484239

+++MITTELMEER
Pushbacks on Spain’s southern border
With Spain witnessing an increase in migrant arrivals, especially via the enclaves Ceuta and Melilla, human rights activists and lawyers are warning of illegal pushbacks by police forces and a border policy that is breaching human rights.
http://www.infomigrants.net/en/post/7866/pushbacks-on-spain-s-southern-border

+++FREIRÄUME
Troubleshooter Hans Wiprächtiger wirft das Handtuch: An der Reitschule gescheitert
Der Troubleshooter schwieg lange, nun zeigt er auf einen Schuldigen.
https://www.blick.ch/news/politik/troubleshooter-hans-wipraechtiger-wirft-das-handtuch-an-der-reitschule-gescheitert-id8098438.html

+++DEMO/AKTION/REPRESSION
1000 personnes se rassemblent pour Mike, contre le racisme et les violences policières
Lausanne, samedi 10 décembre. Suite à la mort de Mike Ben Peter, plusieurs centaines de personnes ont répondu à l’appel du collectif Jean Dutoit et de nombreuses associations antiracistes pour dénoncer le racisme et les violences policières.
https://renverse.co/1000-personnes-se-rassemblent-pour-Mike-contre-le-racisme-et-les-violences-1436

+++AUSLÄNDER_INNEN-RECHT
Die Angst vor der Ausschaffung wirkt
Fachleuchte erwarten, dass es wegen der Initiative zu weniger Sozialhilfemissbrauch kommt.
https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/die-angst-vor-der-ausschaffung-wirkt/story/10498227

tagesanzeiger.ch 11.03.2018

Die Ausschaffungsinitiative brachte nichts

Es werden nicht mehr kriminelle Ausländer ausgeschafft – entgegen den Behauptungen im Abstimmungskampf.

Dominik Balmer, Peter Meier

Jetzt bestätigt sich, dass die SVP-Ausschaffungsinitiative kaum Wirkung erzielt. Schweizer Gerichte haben im Jahr 2017 total 832 obligatorische Landesverweise nach dem neuen Strafgesetz­artikel ausgesprochen. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der SonntagsZeitung in den Kantonen.*

Vor der Umsetzung der SVP-Initiative schaffte die Schweiz jährlich 500 bis 800 Straftäter aus. Damit ist klar, dass mit dem Ja seit der Volksabstimmung Ausländer nicht härter angefasst werden. Kommt hinzu, dass kaum alle der aktuell 832 Straftäter auch tatsächlich die Schweiz verlassen müssen. In Genf zum Beispiel, mit 238 Ausschaffungen der Spitzenreiter, wurde bislang nur gerade jede zweite Ausschaffung effektiv durchgeführt. Meistens scheiterte sie, weil sich die Herkunftsländer weigern, ihre Staatsbürger zurückzunehmen.

4000 Ausländer sind betroffen

Fest steht damit auch, dass die Zahlen des Bundesamts für Statistik, die im Abstimmungskampf kursierten, weit von der Realität entfernt waren: Die Behörde teilte mit, pro Jahr seien rund 4000 Ausländerinnen und Ausländer von der Initiative betroffen.

Die neuen Regeln gelten seit dem 1. Oktober 2016 – sie sind eine Folge der Annahme der Ausschaffungsinitiative von 2010. Das Gesetz sieht einen obligatorischen Landesverweis für kriminelle Ausländer vor. Der Automatismus gilt für einen Deliktskatalog, enthalten sind schwere Gewalt- und Sexualstraftaten, aber auch Einbruchdiebstahl oder Drogenhandel.

Neue Normen sorgen für höhere Gerichtskosten

Dass kaum ein verschärfender Effekt auszumachen ist, überrascht Fabien Gasser nicht. Der Präsident der Schweizerischen Staatsanwälte-Konferenz (SSK) sagt: «Von den neuen Normen sind vor allem Kriminaltouristen betroffen.» Unter dem alten Recht seien solche Leute ebenfalls bereits des Landes verwiesen worden. Gasser bezeichnet die neuen Regeln als «nicht sehr nützlich». Bislang habe es gereicht, einen Kriminaltouristen per Strafbefehl durch die Staatsanwaltschaft zu verurteilen. Seit dem 1. Oktober 2016 müssten solche Fälle ­jedes Mal vor den Richter. «Das erhöht die Kosten für Gerichte, aber auch für Pflichtverteidiger.» Allein in Genf wurde das Budget deswegen um mehr als zwei Millionen Franken erhöht, es brauchte ein Dutzend neue Stellen.

In der Debatte zur Umsetzung des Volksbegehrens hatte sich die SVP vergebens gegen eine Härtefallklausel gewehrt. SVP-Nationalrat Toni Brunner kündigte deswegen an, jeden Härtefall auf einer «Strichliliste» zu notieren. Doch jetzt zeigt die Umfrage: 2017 gab es nur wenige Härtefälle.

Gericht sieht trotz Drogenhandels von Ausschaffung ab

Die Klausel, die das Parlament ins Gesetz geschrieben hat, sieht vor, dass von einem Landesverweis abgesehen werden kann, wenn der beschuldigte Ausländer in der Schweiz geboren wurde sowie hier aufgewachsen und gut integriert ist. Gemäss Umfrage gab es nur gerade eine Handvoll Härtefälle bei den Gerichten. Der Kanton Bern verzeichnete zwei, der Kanton Schwyz ebenfalls, der Kanton Neuenburg einen.

Das Regionalgericht Bern etwa sah in einem Urteil vom Juli 2017 davon ab, einen Deutschen des Landes zu verweisen, obwohl er zur Finanzierung seines Eigenkonsums Drogenhandel betrieb, was eine automatische Ausschaffung bedeuten würde. Doch der 40 Jahre alte Mann lebt in der Schweiz, seit er sechs Jahre alt war. Er hat eine dreijährige Tochter und eine Arbeit. Laut Gericht ist er «hochgradig integriert», und ein Verlassen der Schweiz bedeutete für ihn «eine nicht hinnehmbare Härte».

Angst vor einer neuen SVP-Durchsetzungsinitiative

Gibt es für eine Katalogtat nur eine geringe Strafe, können auch Staatsanwälte zur Härtefallklausel greifen. Sie urteilen per Strafbefehl, und es kommt in der Regel nicht zu einemGerichtsprozess. Zu diesen Härtefällen gibt es nur Schätzungen. SSK-Präsident Gasser vermutet, dass es 2017 «pro Kanton zwischen 10 und 20 Fälle» gegeben hat. Das wären 260 bis 520. Tatsächlich dürfte die Zahl weit tiefer liegen. Eine Stichprobe zeigt: Die Staatsanwaltschaften Waadt und Bern vermelden für das letzte Jahr nur gerade sieben respektive sechs solche Härtefälle – obwohl sie bei den Landesverweisen mit Genf an der Spitze stehen. Neun sind es in St. Gallen, vier in Luzern. Und viele Kantone hatten gar keine.

«Unser Anspruch von der SSK ist, solche Härtefälle zu vermeiden», sagt Staatsanwalt Gasser. «Wir wollen uns nicht dem Vorwurf der Politiker aussetzen, wir würden die Umsetzung der SVP-Initiative hintertreiben.»

Das ist auch das erklärte Ziel des Genfer Sicherheitsdirektors Pierre Maudet (FDP). Doch mittlerweile ist er konsterniert. Weil derart viele Ausschaffungen nicht vollzogen werden könnten, sei das Anliegen nicht umsetzbar: «Die Initiative ist nicht zu Ende gedacht.» So habe die SVP aber die Möglichkeit, stets darauf hinzuweisen, dass etwas nicht funktionieren würde. Es sei daher nur eine Frage der Zeit, bis die Partei mit einer neuen Durchsetzungsinitiative komme. «Ich fürchte mich schon davor», sagt Maudet.

*22 Kantone gaben Zahlen bekannt (ohne OW, SH, SO, ZH)
(https://www.tagesanzeiger.ch/sonntagszeitung/ausschaffungen-werden-selten-durchgesetzt/story/23111715)

+++KNAST
Vor allem Alte und körperlich Kranke: Seit 2004 sind 27 Verwahrte freigekommen
Eine nationale Studie liefert erstmals Zahlen über die Verwahrung in der Schweiz. Demnach kommen jährlich zwei Verwahrte frei. Schwere Straftäter haben trotzdem kaum eine Chance, in ihrem Leben jemals rauszukommen.
https://www.blick.ch/news/schweiz/vor-allem-alte-und-koerperlich-kranke-seit-2004-sind-27-verwahrte-freigekommen-id8097509.html
-> https://www.watson.ch/Schweiz/Justiz/570997050-Neue-Studie-zeigt–Wer-einmal-verwahrt-wird–kommt-kaum-wieder-frei
-> http://www.toponline.ch/tele-top/sendungen/top-news/news/heute-auf-tele-top-0084048/
-> https://www.telem1.ch/35-show-aktuell#neue-verwahrungsstudie
-> Tagesschau: https://www.srf.ch/play/tv/popupvideoplayer?id=c66be7e7-ca60-491e-9a6d-c0797e532fe3
-> https://www.srf.ch/news/schweiz/lebenslange-verwahrung-nur-wenige-ordentlich-verwahrte-straftaeter-werden-entlassen
-> https://www.aargauerzeitung.ch/schweiz/studie-zeigt-wie-viele-verwahrte-freikommen-die-schweiz-hat-alles-andere-als-eine-kuscheljustiz-132306227

derbund.ch/sonntagszeitung 10.03.2018

Hinter Gitter bis ans Lebensende

Eine neue Untersuchung zeigt, wie viele verwahrte Straftäter freikommen. Entlassungen sind selten.

Fabienne Riklin, Roland Gamp, Nadja Pastega

Rupperswil – Durch eine List verschafft sich Thomas N. Zutritt zum Haus der Familie Schauer in Rupperswil AG. Zwingt Mutter Carla Schauer, ihre Söhne Davin, 13, Dion, 19, und dessen Freundin Simona, 21, zu fesseln und dann Geld zu beschaffen. Fast 10’000 Franken bezieht Mutter Carla an einem Bankschalter – wohl in der Hoffnung, damit ihre Kinder zu retten. Vergeblich. Zurück im Haus, wird auch sie gefesselt und geknebelt. Thomas N. vergeht sich am 13-jährigen Davin. Dann schneidet er allen die Kehle durch.

Seit jenem 21. Dezember 2015 ist in Rupperswil nichts mehr, wie es einmal war. Für die Luzerner Kantonsrichterin und Strafrechtsprofessorin Marianne Heer ist der Vierfachmord von Rupperswil eines der brutalsten Verbrechen der Schweizer Kriminalgeschichte. «Dieses kaltblütige Töten für Geld ist wenig nachvollziehbar und schlicht grauenhaft», sagt Heer.

Umgang mit Verwahrten gleicht keiner Kuscheljustiz

Am Dienstag beginnt nun der Prozess gegen den heute 34-jährigen Thomas N. auf dem Stützpunkt der Polizei in Schafisheim AG. Die Staatsanwaltschaft dürfte wohl eine ordentliche Verwahrung, vielleicht gar eine lebenslange Verwahrung beantragen. Ein Hinweis dafür sind die beiden psychiatrischen Gutachter, die zum Prozessauftakt das Wort erhalten werden. Das Strafgesetz sieht vor, dass es für eine lebenslängliche Verwahrung zwei Gutachten braucht, die einen Täter als «dauerhaft nicht therapierbar» einstufen. Als dritte Möglichkeit kommt eine stationäre Therapie, die sogenannte kleine Verwahrung, infrage.

Unabhängig vom Urteil von SVP-Richter Daniel Aeschbach: Die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass der Vierfachmörder je wieder auf freien Fuss kommt. Der ­SonntagsZeitung liegen erstmalige Untersuchungen von Thomas Freytag vor, Vorsteher des Amtes für Justizvollzug des Kantons Bern. Die Erhebung zeigt, dass die bedingte Entlassung aus der Verwahrung in der Schweiz «ausserordentlich selten gewährt» wird, wie Freytag und Co-Autorin Aimée Zermatten schreiben.

In den letzten zehn Jahren haben die Behörden lediglich bei 2 Prozent der ordentlich Verwahrten eine bedingte Entlassung ausgesprochen. 2015 wurden zwei Täter entlassen, 2016 einer – und 2017 keiner. «Die wenigen, die in Freiheit kommen, sind praktisch immer alt, krank und nicht mehr imstande, ein schweres Delikt zu begehen», sagt Freytag. «Somit ist die ordentliche Verwahrung de facto eine lebenslange Verwahrung.»

20 Prozent werden länger als 20 Jahre verwahrt

141 Straftäter waren durchschnittlich in den vergangenen Jahren ordentlich verwahrt, mehr­heitlich in geschlossenen Strafanstalten. Die meisten von ihnen, 70 Prozent, seit über 10 Jahren. 20 Prozent gar mehr als 20 Jahre. Grund für die wenigen Entlassungen: eine Null-Risiko-Mentalität. Richter und Gutachter lehnen lieber einen Antrag auf Freilassung zu viel ab als einen zu wenig.

Auch bei den 441 Insassen der sogenannten kleinen Verwahrung, der stationären Massnahme nach Artikel 59 gemäss Strafgesetzbuch. Lediglich 10 Prozent der Täter wurden im Schnitt in den vergangenen zehn Jahren bei der jährlichen Überprüfung bedingt entlassen. Das sind siebenmal weniger, als aus dem Vollzug einer normalen Freiheitsstrafe entlassen werden.

«Diese Zahlen zeigen, dass die Schweiz alles andere als eine Kuscheljustiz hat», sagt Freytag. Der Ruf nach noch härteren Strafen bei schweren Delikten sei unbegründet. «Der Schutz der Gesellschaft vor gefährlichen Tätern ist da.» Und zwar in allen Kantonen. «Denn im Umgang mit Verwahrten ist die Praxis schweizweit einheitlich restriktiv.»

Die lebenslange Verwahrung sprachen die Gerichte bisher fünf Mal aus. Vier Täter zogen bis vor Bundesgericht, das die Höchststrafe aufhob. So wie auch diese Woche im Fall von Claude Dubois, dem Mörder der 19-jährigen Marie. Somit ist aktuell nur ein Täter lebenslang verwahrt: Der Thurgauer Callgirl-Mörder Mike A., der sein Urteil akzeptierte.

Es sei «praktisch nicht möglich», eine Prognose zu stellen, dass ein Mensch bis an sein Lebensende nicht therapierbar sei, sagt Richterin Heer. «Deshalb hat das Bundesgericht eine solch rigide Massnahme noch nie gestützt.» Sie ­kritisiert aber, dass ordentlich Verwahrte heute in den allermeisten Fällen nie mehr auf freien Fuss kommen. «Das kommt einer Todesstrafe gleich und ist nicht für alle Verwahrten angemessen.»

Und es generiert enorme Kosten. Laut Gesetz muss eine normale Verwahrung jährlich überprüft werden, ein entsprechendes Gutachten kostet 12’000 bis 15’000 Franken. «Das führt zu horrenden Kosten», sagt BDP-Nationalrat Bernhard Guhl, «und jedes Gutachten birgt die Gefahr, dass sich ein Verwahrter verstellt und freikommt.» Nach einem Vorstoss von Guhl, den Bundesrat und Parlament unterstützen, soll der Überprüfungsintervall künftig auf drei Jahre erhöht werden.

Hohe Kosten für die Betreuung von Straftätern

Im Fall Rupperswil waren bereits die Ermittlungen teuer. Belohnung für Hinweise: 100’000 Franken. Auswertung von Handydaten: 200’000 Franken. Zudem waren 40 Polizisten fast fünf Monate nur für diesen Fall zuständig, was Lohnkosten von mindestens 1,17 Millionen Franken ergibt.

Nun kommt der Vollzug hinzu. Ein Tag in der Zürcher Anstalt Pöschwies, wo Thomas N. derzeit auf den Prozess wartet, kostet im normalen Haftregime 301 Franken. Bleibt er, gerade einmal 34 Jahre alt, tatsächlich bis zum Lebensende hinter Gittern, ergibt das bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von knapp 82 Jahren total 5,27 Millionen Franken. Erhält Thomas N. jedoch als Strafe eine stationäre Massnahme mit Therapie, wären es gar 770 Franken am Tag und insgesamt 13,49 Millionen Franken.

Thomas N. ist geständig. 146 Tage nach der Tat hatte die Polizei den mutmasslichen Vierfachmörder von Rupperswil verhaftet. Sie fanden bei ihm zu Hause einen gepackten Rucksack mit Kabelbindern, Klebeband und Seilen – die nächste Tat hatte er offenbar schon geplant.

Sicherheit im Vordergrund

Kleine Verwahrung (stationäre Massnahme nach Art. 59 StGB): Psychisch schwer gestörter Täter, gilt als therapierbar. Erhält Therapie statt Haft.

Ordentliche Verwahrung (Art. 64 StGB): Täter begeht schwere Straftat, gilt als therapierbar. Die Verwahrung beginnt nach der Strafe. Sie wird jährlich überprüft.

Lebenslange Verwahrung: Extrem gefährlicher Sexual- oder Gewaltstraftäter, gilt als nicht therapierbar bis ans Lebensende.

«Manche Täter sind einfach böse»

Marc Graf ist Direktor der Uni-Klinik für Forensische Psychiatrie in Basel. Er beurteilt und behandelt Straftäter wie Thomas N.

Für eine lebenslange Verwahrung müssen Gutachter zum Schluss kommen, dass ein Täter «dauerhaft nicht therapierbar» sei. Ist eine solche Aussage überhaupt möglich?

Das Bundesgericht interpretiert «dauerhaft» als «lebenslänglich». Eine solche Prognose kann man nur in ein paar sehr exotischen Fällen stellen.

Konkret?

Bei Tätern, die nicht mehr lange leben und eine Störung haben, die man in den nächsten Jahren mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht behandeln kann.

Was sind das für Störungen?

Zum Beispiel schwere hirnorganische Verletzungen oder eine frühzeitige massive Demenz bei einem Sexualstraftäter. Aber bei allen anderen Persönlichkeitsstörungen oder Störungen der Sexualpräferenz kann man in der Regel nicht sagen, dass man jemanden lebenslänglich nicht behandeln kann. «Nicht behandeln können» meint, dass die Rückfallwahrscheinlichkeit nicht so sinkt, dass eine Behörde oder ein Richter die Entlassung eines Täters als verhältnismässig beurteilt.

Am Vierfachmord von Rupperswil sorgt nicht zuletzt die brutale und sadistische Vorgehensweise für Fassungslosigkeit. Spielt der Grad der Grausamkeit einer Tat eine Rolle für die Therapierbarkeit?

Ja, weil die Grausamkeit häufig ein Ausdruck der Persönlichkeitsstruktur ist. Sie zeigt, dass ein Täter bereit ist, soziale und gesellschaftliche Normen für die eigene Bedürfnisbefriedigung zu verletzen, gerade beim Sadismus. Eine grosse Grausamkeit spricht oft für eine tief greifende strukturelle Störung, die schlechter behandelbar ist.

Kommt es vor, dass jemand tötet, ohne dass er psychisch krank ist – sondern einfach böse?

Ja. Denken Sie zum Beispiel an häusliche Gewalt.

Laut einer neuen Studie wird kaum ein Täter aus der ordentlichen Verwahrung entlassen. Warum?

Es handelt sich um eine negative Selektion. Wir reden hier von Tätern, die eine hohe Rückfallgefahr haben und über die nächste Zeit nicht behandelbar sind. Sie bekommen auch keine intensive Behandlung, also wird sich mit grosser Wahrscheinlichkeit auch wenig ändern. Und diese Tätergruppe altert. Wir kommen langsam an den Punkt, wo gleich viele Straftäter in der Verwahrung sterben wie entlassen werden.

Wann sind Freilassungen besonders selten?

Bei schweren Sexualdelikten wie Sexualmord, Kindsmissbrauch, schweren Vergewaltigungen. Und bei schweren Tötungsdelikten, also Mord.

Was braucht es eigentlich, damit ein Verwahrter rauskommt?

Sicher einen guten Vollzugsverlauf. Diese Woche wurde bekannt, dass der Bankräuber Hugo Portmann freikommen soll und nicht nachträglich verwahrt wird, obwohl er eine Therapie stets abgelehnt hat. Er wird entlassen, weil er einen guten Verlauf und keine psychischen Störungen im engeren Sinn hat. Hinzu kommt: Ein 65-jähriger Mann, der mit 30 schwere Straftaten begangen hat, stellt nicht mehr das gleiche Risiko dar. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die zeigen, dass die Rückfallwahrscheinlichkeit mit dem Alter ganz massiv abnimmt.

Warum?

Es gibt verschiedene Faktoren. Ich bin sicher, dass bei Gewalt- und Sexualdelikten auch der männliche Testosteronspiegel eine Rolle spielt. Er nimmt bereits ab 30 deutlich ab.

Straftäter sind oft Meister der Manipulation. Wie wappnet man sich als Gutachter dagegen, dass man ausgetrickst wird?

Wir wissen ja, dass sie das können, und lernen schon in der Ausbildung, wie man damit umgeht. Man kennt die eigenen Verletzlichkeiten und weiss, wo man verführt werden kann.

Kann ein Ersttäter wie der mutmassliche Mörder von Rupperswil verwahrt werden?

Das kann ich mir bei ganz schweren Gewalttaten vorstellen.

Mit Marc Graf sprachen Nadja Pastega und Fabienne Riklin
(https://www.derbund.ch/sonntagszeitung/hinter-gitter-bis-ans-lebensende/story/30552675)

+++BIG BROTHER
Was eine Frau im Visier der Sozialdetektive erlebt: «14.20 Uhr: MT konsumiert ein Warmgetränk»
Sozialschnüffler könnten morgen vom Parlament den Freipass erhalten. Maria T. wurde observiert. Ihr Fall zeigt, wie heikel das ist.
https://www.blick.ch/news/politik/was-eine-frau-im-visier-der-sozialdetektive-erlebt-14-20-uhr-mt-konsumiert-ein-warmgetraenk-id8097388.html

+++ANTIFA
Die Finanzierung der AfD
Wie finanziert sich die AfD? Neben staatlichen Mitteln erhält sie vor allem Unterstützung von mittelständischen Unternehmern, von einigen Großspendern und von einem Verein, der mit (extrem) rechten Organisationen in mehreren europäischen Ländern vernetzt ist.
https://www.antifainfoblatt.de/artikel/die-finanzierung-der-afd

tagesanzeiger.ch/sonntagszeitung 10.03.2018

Wenn alles mit allem zu tun hat

Daniele Ganser, Ken Jebsen und weitere Verschwörungstheoretiker trafen sich in Basel – auf Einladung von Anthroposophen. Die Hintergründe und 13 Beispiele.

Andreas Tobler, Pascal Blum

Alle sind sie gekommen, um den einen zu hören: Daniele Ganser, den Schweizer Superstar der Verschwörungstheorien. An diesem Nachmittag, an dem im Basler Scala die Konferenz «Terror, Wahrheit und Lüge» stattfindet. Wochen zuvor war sie bereits ausverkauft – trotz Ticketpreisen von sechzig Franken. Für Ganser, der in Basel aufwuchs und zur Schule ging, ist dies Alltag: Seit mehr als zehn Jahren ist er mit seinen Vorträgen über den 11. September 2001 unterwegs und füllt damit die Säle. Von Vortragshonoraren von mehreren Tausend Franken ist die Rede.

Für den Amerikanisten Michael Butter, der an der Uni Tübingen ein Forschungsprojekt zum Thema leitet und gerade ein Buch dazu publiziert hat, ist Ganser der «bekannteste Verschwörungstheoretiker des deutschsprachigen Raums». Ganser verkörpert denn auch alles, was für Verschwörungstheoretiker typisch ist: Für sie ist alles miteinander verbunden. Nichts ist zufällig. Und nichts ist so, wie es uns erscheint. Sondern Teil eines Komplotts, das es zu entlarven gilt. Wie bei Ganser.

Kooperation der beiden Lager ist neu

Am Nachmittag in Basel ist dennoch einiges anders als gewohnt: Die Tagung findet auf Einladung von Anthroposophen statt. In einem Raum, der vom Paracelsus-Zweig, einem Ableger der Schweizer Anhänger von Rudolf Steiner, betrieben wird. Kooperationen von Ganser und Anthroposophen gibt es schon seit mehreren Jahren: Bereits 2007 hielt der heute 45-Jährige einen Vortrag am Goetheanum in Dornach, dem Hauptsitz der Schweizer Anthroposophen. Es folgten Interviews in der «Goetheanum»-Zeitschrift, zuletzt eines vor wenigen Monaten.

Neu ist die offensive Kooperation zwischen Anthroposophen und Verschwörungstheoretikern. Und dass dabei auch der deutsche Journalist Ken Jebsen eingespannt wird, der mit seinen Youtube-­Videos und seiner Internetseite «Ken FM» Hunderttausende Menschen erreicht. «Guten Abend, mein Name ist Ken Jebsen», sagt der Deutsche, als er sich in Basel vorstellt. «Mein Zielpublikum ist die Menschheit. Spenden Sie sich bitte einen kräftigen Applaus, dass Sie den Mut hatten, hierherzukommen.»

Verschwörungstheoretiker feiern ihre erste Million

Im Foyer bewegte man sich vorbei an Aquarellbildern mit Sinnsprüchen, dem «Seelenkalender Rudolf Steiners», und einem stark umlagerten Bücherstand, der die Spannbreite der Themen dokumentiert: «Von Moses zu 9/11», heisst eines der aufgelegten Bücher, «Die Legende des 9/11 und die Fiktion der Terrorbedrohung» ein anderes.

Zufällig ist die Zusammenarbeit von Verschwörungstheoretikern und Anthroposophen nicht: Sowohl Daniele Ganser wie Ken Jebsen haben Rudolf-Steiner-Schulen besucht. Auf der Bühne des Basler Scala ist dies ein Thema – auch für Witze: «An alle, die versuchen, Waldorf-Schüler zu ­attackieren», sagt Jebsen. «Ich halte dies für ein Unterfangen, das nicht gelingen kann.» Denn als Steiner-Schüler hätten sie gelernt, «sich über Jahrzehnte für Eurythmie zu rechtfertigen». Gelächter im Saal.

Keine Frage, Jebsen – wie auch Ganser – sind talentierte Entertainer. Und erfolgreich noch dazu: Vor einigen Tagen hat eines ihrer Youtube-Videos eine Million Klicks erreicht. Darin schildert Ganser während gut neunzig Minuten seine Sicht auf den 11. September 2001. Produziert hat das Video Ken Jebsen, aufgenommen wurde es vor etwas mehr als drei Jahren an der Universität Tübingen. «Es ist Zeit, Danke zu sagen.» Ganser bittet Ken Jebsen auf die Bühne, aber auch den Politgeografen Rainer Rothfuss, der den Vortrag in Tübingen ermöglichte. Beide erhalten ein Blumenstöckchen von Ganser. «Grossartige Arbeit, toller Schweizer», sagt Jebsen.

Durch alle Gesellschaftsschichten

Youtube und das Internet sind Gründe, warum Verschwörungstheoretiker wie Ganser und Jebsen heute so erfolgreich sind, warum ihre Theorien so starke Verbreitung finden und sich durch alle Gesellschaftsschichten fressen. «Mit Youtube haben der Staat und die Eliten ihr Informationsmonopol verloren», sagt Jebsen. Auch Daniele Ganser zeigt sich begeistert von Googles Videoportal. Und dies, obwohl er vor Plattformen wie Facebook warnt, wo Fake-News so einfach verbreitet werden können wie nirgends sonst. Als Ken Jebsen das erste Video mit ihm veröffentlichte, lernte er, «dass man sich gar nicht anstrengen muss», um in traditionellen Medien wie der NZZ zu publizieren, sagt Ganser.

Das Internet ist für die Verschwörungstheoretiker nicht zuletzt deshalb so attraktiv, weil hier das möglich ist, was sie beweisen wollen: dass alles mit allem zusammenhängt. Und Teil eines grossen Komplotts ist, das von geheimen Mächten entwickelt und betrieben wird. In Basel sind die Hintermänner dieser Verschwörung bald ausgemacht: Die Nato – und mit ihr der US-amerikanische Imperialismus – ist so etwas wie die zentrale Macht, die am 11. September 2001 die Türme in New York zum Einsturz brachte und für alle Terroranschläge und Kriege der letzten Jahre verantwortlich sei.

Sogar der Eintritt der Amerikaner in den Zweiten Weltkrieg wird als strategisches Manöver gewertet: US-Präsident Roosevelt habe bereits vorab von den Angriffen der Japaner auf Pearl Harbor gewusst. Er habe sie aber abgewartet, um einen Grund zu haben, in den Krieg einzutreten. Sagt der ­Tagungsveranstalter, der Basler Anthroposoph Thomas Meyer, der in seinem Vortrag Ausflüge zu Goethe, irgendwelchen Dämonen und Rudolf Steiner unternimmt, von dem er uns ein Dokument aus dem Nachlass zeigen will. «Das kann man jetzt nicht so gut lesen», sagt Meyer, als er uns die Steiner-Quelle als Projektion zeigt.

Orientierung in einer verwirrenden Wirklichkeit

Die Enthüllung eines vermeintlichen Komplotts macht die Verschwörungstheorien attraktiv für viele, die nach Orientierung suchen: In einer komplexen, oftmals verwirrenden Wirklichkeit sorgen sie für Übersicht. Und da alles nur ein Komplott ist, könnte das Gute am Ende doch noch triumphieren. Dank den Verschwörungstheoretikern und ihrer Entlarvungsarbeit.

Vieles, was an diesem Nachmittag in Basel vorgetragen wird, ist nicht nur für Anthroposophen und Anhänger von Verschwörungstheorien annehmbar. Etwa die Kritik am US-Imperialismus, die für die westliche Linke einst zentral war. Oder das wiederholte Plädoyer für eine «Menschheitsfamilie» (Ganser) und den Frieden (alle Vortragende). Denn wer ist nicht für ein friedvolles Miteinander?

Die Verschwörungstheoretiker gehen aber über das hinaus, was bei Linken und Pazifisten konsensfähig ist: Für sie wird alles von geheimen Mächten gesteuert. Selbst der islamistische Terrorismus sei eine hergestellte Fiktion, um die Menschen gegeneinander aufzubringen. «Rassismus ist ein zufälliges Werkzeug, um die Bevölkerung zu spalten und die Solidarität der Menschen zu verhindern», sagt Elias Davidsson, der vierte Referent in Basel.

Das Angebot der Verschwörungstheoretiker ist denn auch umfassender. Selbst Daniele Ganser, der von sich sagt, er interessiere sich nur für internationale Politik, gibt in seinem Vortrag Tipps, wie man sich gegenüber den vermeintlich manipulativen Medien zur Wehr setzen kann (in den Wald gehen, das Handy ausschalten).

Ganser entwickelt in seinem Vortrag auch so etwas wie ein spirituelles Denken: Unser Bewusstsein sei stärker als alle Gedanken und Gefühle, die von den Medien beeinflusst werden können. Deshalb sei es für den Einzelnen auch möglich, der Verschwörung Widerstand zu leisten und dem Guten zum Sieg zu verhelfen. «Ich bin überzeugt, dass die Liebe und die Wahrheit sich immer durchsetzen werden», sagt Ganser. «Das grosse Ganze ist für mich in Ordnung.» Das Universum sei für ihn denn auch «weitaus grösser als der US-amerikanische Imperialismus».

Wenn es um seine Fakten geht, agiert Ganser etwas vorsichtiger als in seiner Umarmung des Universums. «Ich stelle nur Fragen» ist eine seiner liebsten Phrasen. Wobei diese nur ein Taschenspielertrick ist. «Was ist eigentlich der Unterschied zwischen der CIA und einer terroristischen Organisation?», fragt Ganser. Wahrscheinlich gibt es für ihn keinen, sonst würde er die Frage nicht stellen.

Auch dann, wenn Ganser verschiedene Optionen anbietet, ist für ihn immer klar, was die Wahrheit ist. Und zwar gerade dann, wenn es um das dritte Gebäude geht, dem WTC 7, das am 11. September 2001 ebenfalls einstürzte. «Entweder es wurde gesprengt, oder es stürzte ein wegen eines Feuers», sagt Ganser. Er überlasse es jedem Einzelnen, diese Frage für sich zu entscheiden. «Sie müssen einfach wissen, dass die Bundeswehr aufgrund von 9/11 in Afghanistan ist. Und dass die US-Regierung bereits im Frühjahr vor dem 11. September 2001 den Irak angreifen wollte.» Und schon ist es wieder da: das grosse Komplott, in dem alles von einer Macht entworfen und gesteuert wird.

Der Überläufer mit dem Insiderwissen

Bei seinen Fans geniesst Ganser auch deshalb eine so hohe Glaubwürdigkeit, weil er als promovierter Historiker und früherer Uni-Mitarbeiter das ist, was die Amerikaner einen «renegade» nennen: einen Überläufer mit Insiderwissen, wie es «im System» läuft. Aus diesem sei er allmählich herausgedrängt worden, nachdem er 2006 mit einem grossen Artikel im «Tages-Anzeiger» die offizielle Version des 11. Septembers angezweifelt hatte. Für die Ganser-Getreuen ist denn auch klar, dass man an den Unis nicht alles sagen und erforschen darf. «Ist die Verbreitung solcher Absurditäten die Eintrittskarte zu einer akademischen Karriere?», fragt Elias Davidsson, nachdem er den 11. September als einen «Betrug an der Menschheit» bezeichnete.

In Basel spielt Ganser die Karte des Überläufers voll aus. Ausführlich erzählt er, welche Angst er 2006 hatte, seine damalige Stelle an der ETH zu verlieren und nicht mehr für seine Tochter sorgen zu können, die gerade zur Welt gekommen war. Zugleich habe er aber nicht eingesehen, «warum die Fragen zu WTC 7 gestoppt werden sollten». Schliesslich habe er mit seiner Frau gesprochen, die ihn am Festhalten bestärkte. «Wir schlagen uns immer irgendwie durch», habe sie gesagt. Jungen Menschen gibt Ganser den Rat, mutig zu sein wie er selbst.

Vom Mut schwärmt auch Jebsen: «Sie müssen keine Angst haben, dass man Sie ausgrenzt», sagt er, als es um die Frage geht, wie man als Verschwörungstheoretiker auf Widerstand reagiert. «Denn alles, was passiert: Es eröffnet sich ein riesiges Land, ein neues Terrain. Ich kann nur sagen: Fühlt sich super an, macht richtig Spass.» Für Jebsen wie für Ganser hat dieser Mut ganz viel mit Rudolf Steiner zu tun: Von ihm hätten sie gelernt, dass man «nicht so autoritätsgläubig sein muss», sagt Ganser. So einfach ist das, wenn ­alles mit allem zu tun hat.

Merkels Raute, Kubricks Mondlandung und Flieger als Giftspritzen

In der Internet-Ära verbreiten sich Verschwörungstheorien besonders schnell: 13 beliebte Beispiele

1. Obama ist eine Echse

Die Welt wird von einer Elite ursprünglich ausser­irdischer Reptilien regiert, die sich von den negativen Energien der Menschen ernähren. Diese Theorie verbreitet seit Ende der 1990er-Jahre der ehemalige Fussballprofi David Icke.

2. Die Protokolle der Weisen von Zion

Sie sollen dokumentieren, dass «ein geheimes Treffen der Anführer einer globalen jüdischen Verschwörung auf dem Friedhof in Prag»* stattfand. Bei den «Protokollen» handelt es sich um Fälschungen.

3. Der Geheimbund der Illuminaten

Die Illuminaten wurde nicht 1785 aufgelöst, sondern existieren im Geheimen weiter. Noch heute formen Prominente – von George W. Bush über Angela Merkel und Beyoncé bis hin zu Mahmoud Ahmadinejad – während öffentlichen Auftritten mit ihren Händen eine Pyramide oder Raute, um so Botschaften an andere Verschwörer zu übermitteln. Dass nach Beyoncés Super-Bowl-Konzert im Stadion einige Flutlichter ausfielen, beweist, dass sie dank übersinnlicher Kräfte mit dem Teufel in Verbindung steht.

4. Der Regenschirmmann

Bei der Ermordung von John F. Kennedy ist in einer Filmaufnahme einige Sekunden lang ein Mann mit Regenschirm zu sehen. Wenige Momente, bevor Kennedys Limousine an ihm vorbeifährt, schwenkt er ihn in der Luft. Da der 22. November 1963 ein sonniger Tag war, nehmen Verschwörungstheoretiker an, dass der Mann dem Schützen ein Zeichen gab.

5. Chemtrails

Die Kondensstreifen stammen nicht von Flugzeug­abgasen, sondern sind Sprühspuren von chemischen Substanzen, mit denen die Erderwärmung bekämpft oder die Bevölkerung vergiftet werden soll.

6. 9/11

Die Terrorattacke vom 11. September 2001 in New York wurde nicht von al-Qaida verübt, sondern vom US-Geheimdienst oder sonst einer staatlichen Stelle gesteuert. Ein Nebengebäude, das World Trade Center 7, fällt in so kurzer Zeit in sich zusammen, dass es gesprengt worden sein muss. Die Videos von Osama Bin Laden sind gefälscht.

7. Pizzagate

Hillary Clinton und andere Vertreter der Demokratischen Partei unterhalten in der Pizzeria Comet Ping Pong in Washington einen Pädophilenring.

8. Reichsbürger

Die Bundesrepublik Deutschland ist kein souveräner Staat, vielmehr besteht das Deutsche Reich weiterhin fort. Aus Sicht der Reichsbürger sind die staatlichen Organe der Bundesrepublik nicht bindend, sie können sie also nicht anerkennen. Ausserdem sei das Land noch immer von den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs besetzt. Politiker und Medien würden die Menschen gezielt hinters Licht führen.

9. One People’s Public Trust

Der Staat ist eine Firma. Auch die Schweiz, die eine eigene Mehrwertsteuernummer hat. Uns allen steht ein gewisser Betrag zu, den wir mit einer Pfändung einfordern können. Die AHV-Nummer sei eigentlich eine IBAN-Nummer zu unserem eigenen Staatskonto, sagen Schweizer Anhänger dieser Bewegung.

10. Mondlandung

Ein Fake. Regie führte Stanley Kubrick oder jemand anderes.

11. Impfgegner

Impfen verursache Autismus; das Impfen werde von den Regierungen gezielt dafür genutzt, die Bürger gefügig zu machen.

12. Leererdler

Das Innere der Erde ist hohl. Menschen können überall wohnen, unter der Oberfläche oder weiter im Zentrum. Die Auserwählten dürfen im Erdkern leben.

13. Der ägyptische Collider

Der Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider ist in Wahrheit ein Portal zu anderen Dimensionen. So soll Osiris, der ägyptische Gott des Jenseits, aufgeweckt werden. Die Forscher am Cern behaupteten, sie würden die Grundlagen der Physik untersuchen, dabei verfolgten sie schon lang dieses geheime Ziel.

* Benutzte Quelle: Michael Butter: «Nichts ist, wie es scheint». Über Verschwörungstheorien. Berlin 2018 (SonntagsZeitung)
(https://www.tagesanzeiger.ch/sonntagszeitung/wenn-alles-mit-allem-zu-tun-hat/story/23220523)

+++ANTIRA
Rassismus-Verdacht wegen «Zigeuner»-Plakat Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Jung-SVP-Chefs
Die Staatsanwaltschaft hat ein Rassismus-Verfahren gegen die Berner Jung-SVP-Chefs Nils Fiechter und Adrian Spahr eröffnet. Grund: Das beleidigende Wahlplakat gegen Fahrende.
https://www.blick.ch/news/politik/rassismus-verdacht-wegen-zigeuner-plakat-staatsanwaltschaft-ermittelt-gegen-jung-svp-chefs-id8097534.html
-> https://www.derbund.ch/bern/kanton/staatsanwaltschaft-ermittelt-gegen-berner-jungsvpchefs/story/30982683
-> https://www.bernerzeitung.ch/region/bern/wegen-zigeunerplakat-justiz-ermittelt-gegen-berner-jsvpspitze/story/11721326