Medienspiegel: 18. Februar 2018

+++SCHWEIZ
Wegweisung scheitert an fehlenden Papieren
FLÜCHTLINGE ⋅ Hunderte tibetische Asylsuchende müssten die Schweiz
eigentlich verlassen. Sie können aber nicht ausreisen, weil ihnen dazu
die Dokumente fehlen. Der Präsident der tibetischen Exilregierung
zeigt sich besorgt.
http://www.luzernerzeitung.ch/nachrichten/schweiz/wegweisung-scheitert-an-fehlenden-papieren;art178472,1201968

+++FRANKREICH
Schutzlos auf der Flucht – Flüchtlinge in Calais: Gestrandet im Nirgendwo
In Calais sind noch immer rund 700 Flüchtlinge gestrandet. Sie leben
in einem Wald, neben der Autobahn, in den Hecken am Strassenrand. Eine
Reportage über eine ausweglose Situation.
https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/wochenende-gesellschaft/schutzlos-auf-der-flucht-fluechtlinge-in-calais-gestrandet-im-nirgendwo

+++UNGARN
Ungarn: Orbán droht Flüchtlings-Hilfsorganisationen mit Schließung
Ungarische NGOs, die Flüchtlingen und Asylbewerbern helfen, könnten
künftig mit hohen Geldstrafen belegt werden. Der Ministerpräsident
spricht sogar von Ausweisung.
http://www.zeit.de/politik/ausland/2018-02/viktor-orban-fluechtlinge-helfer-gesetz?wt_zmc=sm.ext.zonaudev.twitter.ref.zeitde.share.link.x

+++ITALIEN
Italien/Frankreich: Flüchtlingsretter in den Alpen
Flüchtlinge finden immer einen Weg. Egal, wie viele Flüchtlingsrouten
geschlossen werden, egal wie groß die Abschottung ist, die Europas
Regierungen verfügt haben.
http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/europamagazin/sendung/fluechtlinge-alpen-100.html

+++GRIECHENLAND
Überforderte Flüchtlingshelfer: Einsatz ohne Limit
Alex und Mary-Jane haben einen stressigen Job und kriegen doch keinen
Cent. Sie helfen Flüchtlingen auf der Insel Leros.
http://taz.de/Ueberforderte-Fluechtlingshelfer/!5482517/

+++MITTELMEER
Telefoninterview mit Mission Lifeline
Telefoninterview mit Moji von Mission Lifeline in Sizilien über
Seenotrettung im Mittelmeer
http://www.freie-radios.net/87591?

Unterlassene Hilfestellung
Im Rückblick hat die europäische Politik im zentralen Mittelmeer eine
klare Logik. Sie entwickelt sich von einer aktiven Rettung zu Beginn
der Überfahrten hin zu einer Politik der bewusst unterlassenen
Hilfestellung.
Das sagt der Politikwissenschaftler und Dokumentarfilmer Charles
Heller, und der Rechtswissenschaftler Itamar Mann sagt, Europa lasse
nun andere die schmutzige Arbeit machen.
https://www.srf.ch/play/radio/popupaudioplayer?id=90798bfc-3ae0-4d30-9ba9-715ef434b1b6

+++EUROPA
Menschenrechte, eingesperrt
Mit ihrer Flüchtlingspolitik stellt die Europäische Union, und mit ihr
die Schweiz, die Geltung der Menschenrechte auf eine harte Probe.
https://www.srf.ch/sendungen/kontext/menschenrechte-eingesperrt

Dokumentarfilm – Auf der Flucht: Kinder spurlos verschwunden
Ein Dokumentarfilm über Kinder, die auf ihrer Flucht verloren gehen,
und über Europa, das sie zu wenig schützt.
Minderjährige Flüchtlinge ziehen unbegleitet und ohne Schutz durch
Europa. Sie sind aus Aufnahmestellen verschwunden oder gar nicht erst
registriert worden. Sie leben in einer Parallelwelt, die für die
meisten unsichtbar bleibt. In diesen Verhältnissen geraten sie leicht
in die Hände von Kriminellen, werden zur Prostitution und zum
Drogenhandel gezwungen.
https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/wochenende-gesellschaft/dokumentarfilm-auf-der-flucht-kinder-spurlos-verschwunden

+++UGANDA
Korruption bei Flüchtlingshilfe in Uganda: Jeder Stein wird umgedreht
Uganda galt mit einer der liberalsten Flüchtlingspolitiken der Welt
als vorbildlich. Dann wurden Betrugsvorwürfe laut. Jetzt reagiert die
Regierung darauf.
http://taz.de/Korruption-bei-Fluechtlingshilfe-in-Uganda/!5482840/

+++KNAST
Haftanstalten werden immer grösser: Mini-Gefängnisse schliessen die Tore
In der Schweiz gibt es weniger Gefängnisse denn je. Obwohl seit der
Jahrtausendwende Hunderte von zusätzlichen Haftplätzen entstanden.
https://www.blick.ch/news/schweiz/haftanstalten-werden-immer-groesser-mini-gefaengnisse-schliessen-die-tore-id8000077.html

https://www.facebook.com/events/183461112419689/?notif_t=aymt_schedule_event_to_publish_tip&notif_id=1518987601745176
Zu Gast in der guten AL-Stube:
DIE RECHTSBERATUNGSSTELLE FÜR MENSCHEN IM FREIHEITSENTZUG UND IHRE
ANGEHÖRIGEN von humanrights.ch

Seit Februar 2017 betreibt der Verein humanrights.ch im Kanton Bern
eine Rechtsberatungsstelle für Menschen im Freiheitsentzug und ihre
Angehörigen.

Nur für die wenigsten Gefangenen ist ein angemessener Zugang zu einer
Rechtsberatung gewährleistet. Für die überwiegende Mehrheit bleibt ein
effektiver Rechtsschutz hingegen verwehrt. Dies hat verschiedene Gründe.

Wer beschuldigt wird, eine Straftat begangen zu haben, erhält in der
Regel einen Anwalt oder eine Anwältin zur Seite gestellt. Mittellose
Personen haben zudem während dem Strafverfahren Anspruch auf eine
unentgeltliche Rechtsvertretung.

Diese Unterstützung fällt nach ergangenem Urteil weg, was für die
Betroffenen eine tiefgreifende Änderung darstellt. Zwar besteht die
theoretische Möglichkeit des Beizugs eines Anwalts auch im Straf- und
Massnahmenvollzug. In der Praxis machen aber nur wenige Personen davon
Gebrauch weil die Hürden zum Rechtsschutz hoch sind (Vgl. unten). Dies
ist problematisch, weil der Freiheitsentzug den härtesten Eingriff des
Staats in die Persönlichkeitsrechte des Betroffenen überhaupt darstellt.

Die Grundrechtseinschränkungen erschöpfen sich hierbei nicht im
blossen Freiheitsentzug. Den Vollzugsalltag prägen Regeln und
Kontrollen allerorten, von denen die meisten grundrechtlich bedeutsam
sind, etwa Beschränkungen der Besuche, Überwachung des Post- und
Telefonverkehrs, die Arbeitspflicht und die Einschränkung der
Verfügungsmacht über das Arbeitsgeld. Zu den potenziellen
Konfliktbereichen im Freiheitsentzug gehören namentlich restriktive
Haftbedingungen, Disziplinarmassnahmen, die medizinische Versorgung,
der Kontakt zur Aussenwelt, die Unterbringung von psychisch kranken
Personen, Vollzugsverschärfungen oder nicht gewährte
Vollzugslockerungen.

Ein effektiver Rechtsschutz sowie eine gute Information der Gefangenen
über ihre rechtliche Situation und Handlungsmöglichkeiten gehören zu
den Mindestanforderungen an eine menschenwürdige Behandlung im
Freiheitsentzug.

Die Bewährungs- und Vollzugsdienste (früher «Abteilung Straf- und
Massnahmenvollzug») des Kantons Bern haben dem Projekt ihre ideelle
und praktische Unterstützung zugesichert. Sie hilft bei der
Herstellung des Zugangs zu den Vollzugseinrichtungen und unterstützt
die Projektleitung bei der Vernetzung und Koordination mit den
verwaltungsinternen Strukturen. Zudem leistet sie eine kritische
Begleitung hinsichtlich der strategischen Ausrichtung und den
operativen Tätigkeiten der Beratungsstelle.

Nach der dreijährigen kantonalbernischen Pilotphase soll das Projekt
ab 2019 auf weitere Kantone ausgeweitet werden. Als strategische
Projektpartner sind die demokratischen JuristInnen Schweiz (DJS) sowie
die Aktion der Christen für die Abschaffung der Folter (ACAT) am
Projekt beteiligt.

David Mühlemann von humanrights.ch erklärt das Konzept und erzählt aus
der Praxis der Rechtsberatungsstelle.

Mehr Infos:
Beratungsstelle für Menschen im Freiheitsentzug:
https://www.humanrights.ch/de/ueber-uns/freiheitsentzug/

Crowdfunding-Projekt 2016/2017:
https://wemakeit.com/projects/rechtsberatung-im-gefaengnis

Medienartikel:
– https://www.woz.ch/-81f5

https://www.derbund.ch/bern/kanton/die-telefonhotline-fuer-gefangene-ohne-geld/story/25468716

https://www.derbund.ch/bern/kanton/kostenlose-rechtsberatung-fuer-inhaftierte/story/22706641

https://www.watson.ch/Schweiz/Justiz/652320672-Das-ist-die-erste-Schweizer-Telefonhotline-fuer-Diebe–Drogendealer-und-andere-Gefangene

http://www.20min.ch/schweiz/bern/story/Gratis-Anwalt-fuer-Berner-Gefangene–31213566

Ort der Veranstaltung:
Mi 07.03., 19.30, Brasserie Lorraine, Sääli 1. Stock, Quartiergasse 17
(Bus 20, Station Lorraine)
https://map.search.ch/Bern,Quartiergasse-17

Veranstaltet von Alternative Linke Bern (AL)
http://al-be.ch
https://www.facebook.com/alternativelinkebern/

+++POLIZEI DE
[G20 Doku] Aussage gegen Aussage
Eine Doku über die Rolle von Polizei und Politik, beim G20 Gipfel in
Hamburg 2017.
https://www.youtube.com/watch?v=eBWNqPMSCZQ&feature=youtu.be

+++ANTIFA
Streit bei den letzten Anthroposophen in der Schweiz
Der letzte Kampf der Anthroposophen
Derzeit streiten Anthroposophen in der Schweiz um das politische Erbe
der esoterischen Glaubensgemeinschaft. In Basel versuchen
Steiner-Anhänger, sich mit Verschwörungsprominenz zu schmücken.
https://jungle.world/artikel/2018/07/der-letzte-kampf-der-anthroposophen

Trumps Ex-Chefstratege soll in Zürich auftreten: Linke mobilisiert
gegen Bannon
Steve Bannon ist ein Vordenker der radikalen Rechten in den USA. Roger
Köppel konnte den Ex-Berater von Donald Trump für einen Auftritt in
Zürich gewinnen. Nicht alle sind damit einverstanden.
https://www.blick.ch/news/trumps-ex-chefstratege-soll-in-zuerich-auftreten-linke-mobilisiert-gegen-bannon-id8001112.html
->
https://sozialismus.ch/artikel/schweiz/2018/schweiz-steve-bannon-du-hast-in-zuerich-nichts-verloren/
->
https://www.watson.ch/Schweiz/USA/534829481-Linke-wollen-Steve-Bannons-Auftritt-in-Zuerich-verhindern
->
https://www.limmattalerzeitung.ch/schweiz/du-hast-hier-nichts-verloren-linke-wollen-steve-bannons-auftritt-in-zuerich-verhindern-132221841

Staatsverweigerer halten geheimes Treffen in Buchs ab
REICHSBÜRGER ⋅ Reichsbürger Zwischen Verschwörung, Esoterik und
Rechtsextremismus: “Reichsbürger” und “Freemen”, ursprünglich aus
Deutschland, gründen auch in der Schweiz Ableger. Gestern haben sie
sich in Buchs SG getroffen.
http://www.tagblatt.ch/ostschweiz/staatsverweigerer-halten-geheimes-treffen-in-buchs-ab;art505748,5218775

Tauben füttern mit Stefan Theiler. Hauptmessage:
“RANDNOTIZ: ANTIFA-ZEITSCHRIFT “LAUTSTARK” IST VOM CIA”
https://www.telebaern.tv/grossenrat/kandidat/129/Stefan-Theiler

Ist GANSER ein Verschwörungstheoretiker? GANSER im FAKTENCHECK (4) zu
9/11 [Verschwörungstheorien] Ist Daniele Ganser ein Verschwörungstheoretiker? FAKTENCHECK Dr.
GANSER Teil 4: Dr. Daniele Ganser ist die umstrittenste Figur zu 9/11,
die sowohl Kritik als auch viel Zustimmung erhält. Ist er ein
Verschwörungstheoretiker oder ein seriöser Wissenschaftler? Was hat es
mit seiner Bezeichung als Friedensforscher auf sich und was steht
hinter dem SIPER Institut? Was ist dran an seinen Thesen, die ihm die
Hochschulkarriere verwehrt haben? Dieses Video ist Teil 4 einer
Videoreihe zu den Thesen des Schweizers. Inhalt dieses Teils ist das
Urteil der wissenschaftlichen Community zur Frage, ob Ganser
Verschwörungstheorien verbreitet oder auf dem Fundament der
Wissenschaft steht. Thesenzu 9/11 von Ganser werden in anderen Teilen
der Videoreihe behandelt.
https://www.youtube.com/watch?v=pWtHL3Gihfo&feature=youtu.be&a=

+++ANTIRA
(Kolonialrassismus vom feinsten…)
Sonntagszeitung 18.02.2018

Flüchtlinge und die Sache mit dem Sex

Sexualität ist für viele Flüchtlinge ein Buch mit sieben Siegeln. Die
Behörden sprechen jedoch nur ungern darüber, Sexualkunde gehört nicht
standardmässig zu den Integrationsprogrammen.

Lucie Machac

Khaled* ist anders als die meisten seiner Freunde. «Ich wollte schon
immer eine westliche Freundin», stellt er gleich klar. Der junge
Muslim, den wir in einem Café treffen, sieht wie ein Snöber aus. Cool
im Auftritt, locker im Gespräch. «Viele meiner Freunde wollen aber
eine Jungfrau heiraten», meint der 22-Jährige achselzuckend. Wie sie
das in der Schweiz realisieren ­wollen, ist ihm ein Rätsel.

Khaled stammt aus Syrien. Seit knapp eineinhalb Jahren lebt er in
einer Asylunterkunft im Kanton Zürich. Seit einigen Monaten hat er
eine Schweizer Freundin, die er bei seiner freiwilligen
Übersetzungsarbeit kennen gelernt hat. «Für meine Freunde ist mein
Lebensstil ziemlich irritierend», räumt er ein. Einmal haben Khaleds
Kumpel beobachtet, wie seine Freundin ihre Kollegen zur Begrüssung auf
die Wange küsst. «Sie warnten mich, ich dürfe das nicht tolerieren»,
berichtet Khaled amüsiert. Denn da, wo die meisten von ihnen
herkommen, dürfen Männer Frauen je nachdem nicht einmal in die Augen
schauen. Khaled räuspert sich. «Wissen Sie, viele meiner Kollegen sind
noch Jungfrau.» Sie sind ­zwischen 17 und 28 Jahre alt.

Jacqueline Fellay-Jodan überrascht das nicht. «Sexualität an sich ist
für viele Flüchtlinge ein Buch mit sieben Siegeln», sagt die
Sexualberaterin. Sie meint nicht Teenager, sondern Erwachsene. Die
53-Jährige gibt in Sion Aufklärungskurse für Migranten aus
Afghanistan, Syrien, Iran oder Eritrea. Alle Flüchtlinge, die im
Kanton Wallis ankommen oder leben, besuchen solche Kurse
obligatorisch. Seit zehn Jahren machen die Walliser gute Erfahrungen
damit.

Das sexuelle Unwissen ist teilweise dramatisch. Erwachsene junge
Männer – die grösste Gruppe unter den Flüchtlingen – stellen der
Kursleiterin Fragen, die bei uns 14-Jährige umtreiben. Warum habe ich
am Morgen eine Erektion? Wird man vom Küssen schwanger? Kommen meine
Kinder behindert zur Welt, wenn ich masturbiere? Nach zehn Jahren
Praxis erschüttern Fellay-Jordan solche Fragen kaum. «Wo viel Unwissen
ist, gibt es viele Mythen», hält sie nüchtern fest. Dass Masturbieren
gefährlich sei und die Pille unfruchtbar mache, hört die Walliserin
dauernd.

Sexualität sei Privatsache, finden die Behörden

Umso mehr verwundert es, dass Sexualkunde nicht standardmässig zu den
kantonalen Integrationsprogrammen (KIP) gehört – genauso wie die
Aufklärung über Pflichten (Abfallentsorgung), Verbote (häusliche
Gewalt) und Rechte (Gleichberechtigung). Der Kanton Wallis ist mit
seiner Integrationspraxis eine Ausnahme. In ­anderen Kantonen,
darunter Bern und Zürich, gibt es keine obliga­torischen
Sexualkundekurse. Aber wie soll man sich in eine aufgeklärte
Gesellschaft integrieren, wenn man nicht dasselbe Wissen hat?

«Verhütung, Schwangerschaft, Abtreibung und weibliche
Genitalverstümmelung werden in der Integrationsförderung aktiv
angesprochen», heisst es beim Sekretariat für Migration. Und
Sexualkunde? Fragt man bei den zuständigen kantonalen Behörden und
Organisationen nach, lautet der Tenor überall gleich: Sexuelle
Aufklärung sei wichtig für die Integration, aber man könne sie nicht
standardmässig einführen, weil nicht alle Migranten diesbezüglich
dasselbe Bedürfnis hätten und Sex Privatsache sei. Das stimmt aber nur
bedingt: Viele öffentliche Konflikte zwischen Männern und Frauen sind
sexuell motiviert, man denke etwa an die #MeToo-Debatte und die Kölner
Silversternacht.

In der Regel können Flüchtlinge kantonale Beratungsangebote nutzen,
wenn sie sich über Sexualität informieren möchten. Aber natürlich tun
das nicht alle. Khaleds Freunde haben noch nie eine Sexualberatung
besucht – obwohl sie sicher Interesse hätten, ist Khaled überzeugt.
Wie er selbst wurden sie bloss über Geschlechtskrankheiten aufgeklärt.

Im Kanton Wallis macht Jacqueline Fellay-Jordan indes gleich zu Beginn
ihres Kurses klar: «Wir werden sehr ehrlich miteinander sein müssen,
wenn Sie in der Schweiz leben wollen.» Gnadenlos konkret erklärt sie
den Männern zuerst ihren eigenen Körper anhand eines Penismodells.
Warum bekommt man eine Erektion? Wo entsteht Sperma? Weshalb kann man
nach der Ejakulation schlecht pinkeln? Danach nimmt sie den weiblichen
Körper unter die Lupe. Sie erklärt, wie Befruchtung geht, wo Babys
entstehen, wo die Vagina ist. «Klar werden einige rot, für die meisten
ist es komplettes Neuland, aber wir lachen auch viel.»

Schweizer Frauen werden vor allem begafft

Alle Teilnehmer können den Kurs verlassen, wenn es ihnen zu viel wird.
«Aber 95 Prozent bleiben bis zum Schluss.» Besonders spannend finden
die Kursteilnehmer die Ausführungen über die weibliche Lust. Bei der
Stimulation der Klitoris hat Fellay-Jordan die ungeteilte
Aufmerksamkeit. «Sie alle wollen gute Liebhaber sein», sagt sie
schmunzelnd. Doch sie warnt auch: «Dies ist nur die Theorie. Im wahren
­Leben sind Sexualität und Partnerschaft viel komplizierter.»

Khaled und seine Freunde kennen diese Realität nur allzu gut. Die
meisten von ihnen leben abgeschottet in Asylunterkünften, sie sprechen
kaum Deutsch. Zudem, sagt Khaled, wüssten viele gar nicht, wie man
hier flirtet. Dating kennen sie aus ihrer Heimat nicht. In Syrien
flirte man vor allem mit Blickkontakt, weil immer die Gefahr bestehe,
dass der Bruder des Mädchens um die Ecke kommen und die Situation
eskalieren könnte. «Wenn wir hier Mädchen anstarren, ohne sie
anzusprechen, bekommen sie Angst.» Der Flirtversuch scheitert so gut
wie immer.

Oft bleibt es deshalb beim blossen Begaffen von Schweizer Frauen. Der
Sommer sei die beste Zeit, berichtet Khaled. «In der Badi ­sehen meine
Kollegen live, was sie sonst vom Handy kennen.» Khaled findet das
nicht okay, aber er versteht die Motive. Freizügigkeit verführt. Und
sie frustriert, wenn man selber ausgeschlossen ist. Denn gegen Sex vor
der Ehe (mit einer Jungfrau) hätten viele nichts einzuwenden, so
Khaled. Allerdings können die wenigsten dieses Bedürfnis befriedigen.
Meist bleibt es beim Pornokonsum auf dem Handy. Manche von Khaleds
Freunden versuchen, Frauen mit Alkohol und Drogen zu ködern, weil sie
denken, sonst keine Chance zu haben. Meist treffen sie Frauen, die
selbst am Rande der Gesellschaft leben. Khaled erzählt auch von einem
Freund, der Frauen über Social Media kennen lernt. Allerdings könnten
diese seine Mütter sein. «Er fühlt sich ohne seine Familie einsam, und
Sex mit älteren Frauen ist besser als gar keine Intimität.»

Auch Schweizer sind ehrenhafte Menschen

Kursleiterin Jacqueline Fellay-Jordan kann Khaleds Erzählungen
bestätigen. «Die Flüchtlinge haben es schwer. Einerseits haben sie
­sexuelle Bedürfnisse, andererseits fürchten sie um ihren Ruf»,
erklärt die Sexualberaterin. Erfahren die Eltern in der Heimat, dass
sie eine Beziehung mit einer Schweizerin führen und Sex vor der Ehe
haben, gibt es oft Streit. Und wenn es die Gemeinschaft mitbekommt,
fällt die ganze Familie in Ungnade. Auch deshalb, sagt Khaled, hätten
viele eine falsche Vorstellung von westlichen Frauen. «Sie denken,
weil viele junge Schweizerinnen keine Jungfrauen mehr sind, seien sie
unrein.» Natürlich wissen Khaleds Freunde bestens, dass Frauen hier
gleichberechtigt sind. Im Alltag kommen sie oft mit Frauen –
Ärztinnen, Polizistinnen, Verkäuferinnen – in Kontakt. Aber sie haben
keine Vorstellung davon, wie man eine gleichberechtigte
Liebesbeziehung führt.

Kommt hinzu, dass unser serielles Beziehungsmodell in vielen Ländern
unüblich ist. «Die meisten werden früh verheiratet und schlafen ein
Leben lang mit derselben Frau. Oder sie gehen regelmässig zu
Prostituierten. Es gibt vor allem ein Entweder-oder», sagt
Fellay-Jordan. Dass der Durchschnittsschweizer mehrere Liebespartner
im Leben hat, müssen die Flüchtlinge überhaupt erst als nicht
sündhaftes Beziehungsverhalten begreifen. «In meinen Kursen spreche
ich deshalb viel über den Ehrbegriff, weil er ein zentraler Wert für
Flüchtlinge ist», sagt Fellay-Jordan. Sie versuche zu erläutern, dass
auch wir ehrenhafte Menschen seien. «Und ich stelle klar, dass
Jungfräulichkeit vor der Ehe bei uns nichts mit Ehre zu tun hat.»

Trotzdem wollen so gut wie alle eine Jungfrau heiraten. Am liebsten
aus dem eigenen Land. «Das ist ein natürlicher Reflex», findet
Fellay-Jordan. Traditionen lasse man nach einem vierstündigen Kurs
nicht einfach los. «Wenn ich die jungen Männer aber frage, wen ihre
Kinder heiraten werden, herrscht oft Ratlosigkeit.» Spätestens da
konfrontiert sie die Flüchtlinge mit der Kehrseite der Medaille. «Wenn
man emigriert, gewinnt man Freiheit und Sicherheit. Aber man verliert
einen Teil seiner Kultur. Das ist der Preis der Emigration.»

* Name der Redaktion bekannt

(https://www.tagesanzeiger.ch/sonntagszeitung/fluechtlinge-und-die-sache-mit-dem-sex/story/15744363)

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https://www.blick.ch/news/schweiz/bern/wallis-erteilt-fluechtlingen-aufklaerungsunterricht-erwachsene-maenner-fragen-ob-man-vom-kuessen-schwanger-wird-id8000263.html
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http://www.20min.ch/schweiz/news/story/Wallis-erklaert-Fluechtlingen-die-weibliche-Lust-10436194

+++GASSE
NZZ am Sonntag 18.02.2018

Diese Schweizer Obdachlosen nimmt man kaum wahr

Menschen, die ihr Zuhause verloren haben, schlafen nicht auf der
Strasse, sondern bald auf dem Sofa von Freunden, bald in einer
Notunterkunft. Von ihnen gibt es immer mehr.

von Anja Burri (Text) und Holger Salach (Bild)

Als Bruno Häberli an diesem Morgen im letzten November das Telefon in
die Hand nahm und die Polizei anrief, wusste er nicht, dass sich sein
bisheriges Leben gerade in Luft auflöste. Häberlis Weggefährtin war in
der Nacht gestorben. Weil nur sie als Mieterin gemeldet war, musste
der 66-Jährige die Wohnung verlassen, sofort. Das Erbschaftsamt
versiegelte sein Zuhause. Mit einem Plasticsack in der Hand stieg er
in das Polizeiauto, das ihn zur Notschlafstelle in Basel brachte.

Seither ist er wohnungslos. Spätestens um 8 Uhr muss er die Unterkunft
verlassen, zurückkehren kann er zwölf Stunden später, um 20 Uhr. «Die
ersten Tage waren kalt», sagt Bruno Häberli, der wie alle anderen
wohnungslosen Menschen in diesem Text eigentlich anders heisst. Er
irrte vom Morgen bis zum Abend in der Stadt umher, er hatte keine
Ahnung, wohin mit sich. Die Gassenküche, die Treffpunkte an warmen
Orten, all das musste er zuerst finden. Für die Passanten in der
Basler Innenstadt sah er hingegen aus wie ein ganz normaler älterer
Herr mit weissen, vielleicht etwas zu langen Haaren und Dreitagebart,
der durch die Stadt spazierte.

Die Geschichte von Bruno Häberli, der in besseren Zeiten Hotelier in
den Bündner Bergen war, zeigt, wie schnell es auch hier, bei uns in
der reichen Schweiz, gehen kann. Wie Menschen ihr Zuhause verlieren
können – oft weil sie in einer persönlichen Krise einfach keine
günstige Wohnung mehr finden. In den grossen Schweizer Städten wie
Zürich, Basel oder Genf passiert das Hunderten. Sie sind jedoch, genau
wie Häberli, für die Gesellschaft unsichtbar.

Sie sehen nicht aus wie Clochards in Paris oder New York, die auf
abgewetzten Kartonschachteln sitzen und betteln. Die wohnungslosen
Menschen in der Schweiz tragen Winterjacken, manche sogar ein Hemd
oder Gel im Haar. Sie führen ein Leben auf fremden Sofas. Auf der
Strasse schlafen sie nur, wenn es wirklich nicht anders geht. Die
Obdachlosigkeit in der Schweiz ist versteckt – und sie nimmt zu. Das
sagen Sozial- und Gassenarbeiter von Aarau bis Zug.

Es ist ein Tag im Januar im Basler Quartier St.Johann, draussen
schneit es. Vor dem Lokal des Schwarzen Peter, des Vereins für
Gassenarbeit, stehen die Leute Schlange. Ein etwa 25-jähriger Mann
schiebt sich an den anderen vorbei. Er hat eine Winterjacke,
Stoffhosen und Turnschuhe an – die Nässe hat den dünnen weissen Stoff
grau verfärbt. Er mag nicht reden. Er komme hierher, um seine Post
abzuholen, sagt er und verschwindet. Nach ihm ist die Reihe an einer
Frau, sie hat ihre Haare zu kleinen, makellosen Zöpfen geflochten,
«selbstgemacht, man lernt das, wenn man kein Geld hat», sagt sie in
breitem Baseldeutsch.

Das ist Claudine Hofstetter, 44, gelernte Modeverkäuferin aus Basel.
Ihre Geschichte würde ein ganzes Buch füllen. Alles beginnt mit einem
schweren Skiunfall, Schleudertrauma. Sie gibt wegen der Schmerzen
ihren Job auf. Für die Invalidenversicherung ist Hofstetter voll
arbeitsfähig. Kein Arzt kann ihr helfen. «Ich kämpfe gegen
Windmühlen», sagt sie. Das ist ihr Lebensgefühl geworden, es macht sie
krank, sie bekommt Angstzustände, soziale Phobie.

Es folgt die Trennung von ihrem Partner, eine Zeitlang lebt sie von
Sozialhilfe. Als die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt
scheitert, packt sie ihre Koffer und fliegt nach Marokko. Nach einer
Zwischenstation in Berlin kommt Hofstetter zurück. Zuerst übernachtet
sie bei einer Bekannten. Im letzten November steht sie vor der
Notschlafstelle Basel. Mittlerweile hat sie ein eigenes kleines Studio
bei der Heilsarmee bezogen, bis Ende Jahr darf sie bleiben. «Eine
kurze Verschnaufpause», sagt sie.

Rund 400 Personen allein aus Basel-Stadt nutzen derzeit die
Meldeadresse beim Schwarzen Peter, lassen ihre Post hierherkommen. Das
heisst, sie haben keine eigene Adresse, keine fixe Wohnung mehr. Ihr
offizielles Zuhause befindet sich, schön nach Alphabet geordnet, in
einem Hängeregister.

Das Couch-Surfing-Modell

Michel Steiner, gelernter Pflegefachmann, ist Gassenarbeiter beim
Schwarzen Peter. In den vergangenen sechs Jahren habe sich die Zahl
der Menschen, die von der Meldeadresse Gebrauch machten, mehr als
verdreifacht. Und es gibt noch eine weitere Entwicklung: «Wir haben es
zunehmend mit versteckter Obdachlosigkeit zu tun», sagt Steiner. Er
hat dafür ein spezifisches Wort: Wohnungslosigkeit.

Er schätzt, dass von den 400 Personen nur etwa 40 tatsächlich
draussen, auf der Strasse, übernachteten. Weitere rund 10 Prozent
seien in der Notschlafstelle oder in anderen Einrichtungen wie etwa
der Heilsarmee untergebracht. «Der allergrösste Teil lebt eine Art
Couch-Surfing-Modell», sagt Steiner. Diese Menschen kämen tage- oder
wochenweise unter bei Freunden, Bekannten oder Familienmitgliedern.
Was auch immer wieder vorkomme: Dass Frauen gegen Sex einen
Schlafplatz erhalten.

Eine deutliche Mehrheit der Besucher im Schwarzen Peter sind Männer,
doch es gibt auch wohnungslose Frauen, die bisher älteste war 82. Gut
zwei Drittel der Postfachnutzer sind jünger als 47 Jahre. Viele, aber
längst nicht alle, haben die prekären Lebensumstände geerbt, kommen
aus einer Familie mit finanziellen Problemen oder sind zum Beispiel im
Heim aufgewachsen.

«Zunehmend kommen auch Angehörige der unteren Mittelschicht in die
Situation, ohne Wohnung dazustehen», sagt Steiner. Normale Leute, die
aus dem System fallen. Manche arbeiteten sogar, zumindest solange es
noch irgendwie gehe. Ihr Lohn reiche halt einfach nicht für ein gutes
Leben. Im Durchschnitt beanspruchen die Leute das Postfach beim
Schwarzen Peter für rund sieben Monate. Oft ist Wohnungslosigkeit kein
permanenter Zustand, sondern die Leute pendeln zwischen einem Leben
mit und ohne eigenes Zuhause.

Diese Beschreibung passt auf Serge Meier, 35. Mit 15 zieht er von zu
Hause aus. Es funktioniert einfach nicht zwischen ihm und der Mutter.
Die Eltern waren schon immer getrennt. Zuerst lebt er bei den
Grosseltern in einem Vorort von Basel. Nach der Matura beginnt er ein
Wirtschaftsstudium. Bald bricht er ab. Insgesamt fängt er viermal ein
neues Fach an und hört wieder auf. Meier ist manisch-depressiv. In
guten Zeiten lernt er sogar nachts, in schlechten starrt er auch
tagsüber nur an die Decke. Das Geld kommt von der Familie und vom
Staat, zuerst Stipendien, dann Sozialhilfe. Meier jobbt immer wieder,
er verkauft Elektronikgeräte und verteilt Werbematerial. Als er wegen
Renovationsarbeiten aus seiner Einzimmerwohnung fliegt, beginnt sein
Leben auf Sofas von befreundeten Wohngemeinschaften. Seit einiger Zeit
hat er eine Freundin. Er wohnt gerade bei ihr.

Etwa drei Viertel der Postfachnutzer im Schwarzen Peter sind den
Behörden bekannt, sie erhalten Geld von der Sozialhilfe oder der
Invalidenversicherung. Wie kann es sein, dass diese Menschen trotzdem
ohne Wohnung dastehen? Rudolf Illes, der Leiter der Sozialhilfe
Basel-Stadt, sitzt in einem schnörkellosen grauen Büroturm, sein Blick
reicht über die Dächer der Stadt. Wohnungslosigkeit, sagt er, sei fast
immer ein Zusammenspiel mehrerer Ereignisse und Umstände,
gesellschaftlicher und persönlicher Art: Der Druck auf dem
Arbeitsmarkt sei ein Beispiel, Alkohol- und Drogensucht ein anderes.
Eine Beobachtung, die Illes seit einiger Zeit macht: Die Zahl der
Menschen, die wegen einer psychischen Krankheit Sozialhilfe beziehen,
nehme zu.

Dazu komme eine gewichtige Entwicklung: «Es hat zu wenig günstigen
Wohnraum», sagt er. «Nach einer Trennung, einem Jobverlust oder einer
schweren Depression können sich manche Menschen ihre bisherige Wohnung
nicht mehr leisten. Sie haben grosse Mühe, etwas Günstigeres zu
finden.» Die Sozialhilfe kann in solchen Fällen nur vermitteln, sie
gibt den Hausbesitzern zum Beispiel schriftliche Garantien, dass sie
die Miete direkt bezahlt. Und sie hat einen Verein damit beauftragt,
den Menschen bei der Wohnungssuche zu helfen. Eine Wohnung finden, das
muss am Ende aber jeder selber.

Bruno Häberli übernachtet mittlerweile seit fast drei Monaten in der
Notschlafstelle. Doch die Geschichte beginnt eigentlich viel früher,
vor weit über 20 Jahren in den Bündner Bergen. Häberli, Absolvent der
Hotelfachschule in Lausanne, führt dort ein Hotel, nicht sein erstes,
als die Besitzer Konkurs anmelden. Der Hotelier verliert die Stelle.
Er kommt zurück in seine Heimat, nach Basel, «ich brauchte eine
Pause», sagt er und nennt es «Burnout». Den Tritt im Hotelgeschäft
findet er nie mehr. Dafür lernt er in einem Park seine Weggefährtin
kennen, rund 20 Jahre älter, sie führt einen Antiquitätenhandel.
Häberli hilft, wo er kann, dafür darf er bei ihr wohnen. Sie ergänzen
sich gut, «eine platonische Liebe», sagt er. Um bürokratische
Formalitäten wie das Mietverhältnis kümmert er sich nicht. Bis die
Freundin, mittlerweile 87, am 19. November 2017 stirbt.

Niemand kennt die genauen Zahlen

Bis dahin wussten die Behörden nichts von Bruno Häberli, er vermied
es, sich Hilfe zu holen. Er lebte zwar schon lange nicht mehr in einer
eigenen Wohnung, aber das bekam niemand mit. Viele Menschen, die ihre
Wohnung verlieren, verhalten sich ähnlich, sie versuchen, irgendwie
eine eigene Lösung zu finden, sie schlittern langsam in die
Katastrophe. Das ist ein Grund, weshalb niemand genau weiss, wie viele
Menschen in der Schweiz obdachlos sind oder zumindest ohne eigene
Wohnung leben. Ein anderer Grund ist, dass es keine umfassenden
Statistiken gibt.

Das wollen Matthias Drilling und Jörg Dittmann ändern. Sie sitzen vor
einer Excel-Tabelle, es ist der Einsatzplan für ihr nächstes grosses
Projekt. Die Professoren am Institut für Sozialplanung und
Stadtentwicklung der Fachhochschule Nordwestschweiz haben vor, in
Basel die erste umfassende Statistik über wohnungslose Menschen zu
erstellen. Bis zu 40 Interviewer schicken sie im März los, diese
sollen in allen Anlaufstellen und ausgewählten öffentlichen Räumen die
Menschen befragen. Die Sozialhilfe Basel finanziert das Projekt mit.

Für das Forscherduo ist das erst der Anfang. Sie haben sich einer
europäischen Forschergruppe angeschlossen, die erstmals die
Obdachlosen in ganz Europa erfassen möchte. Bis jetzt gibt es nämlich
weder verlässliche noch international vergleichbare Zahlen. Hinter dem
Forschungsprojekt stehe eine sozialpolitische These, sagt Matthias
Drilling, «nämlich, dass die Länder gar nicht wissen wollen, wie viele
Obdachlose es gibt». Solange das Problem nicht mengenmässig benannt
werde, müsse es die Politik auch nicht lösen.

Die Forscher wollen die Erfassung in der Schweiz durchführen. Das wird
nicht einfach, auch, weil die Obdachlosigkeit in der Schweiz eine
andere ist als anderswo, eben vielmehr eine Wohnungslosigkeit, die die
Menschen möglichst gut verstecken. «In Metropolen wie Berlin, Brüssel
oder Paris traut man sich heute, seine Armut auf der Strasse zu
leben», sagt Drilling. Hierzulande werde sich die
Strassenobdachlosigkeit kaum je so zeigen.

«In der Schweiz geht es vielmehr um unsichere Wohnsituationen, um
Menschen, die ständig gefährdet sind, wegen Sanierung oder Kündigung
aus ihrer Wohnung zu fliegen.» Wenige blieben für immer wohnungslos.
«Die Betroffenen nutzen aber auch hier die gleichen Wege wie anderswo
in Europa: Sie übernachten auf dem Campingplatz, schlafen im Auto oder
auf dem Sofa bei Freunden oder Fremden, die die Lage ausnutzen und
dafür horrende Preise verlangen», sagt Drilling.

Bis jetzt gibt es in der Schweiz bloss zwei Arten, wohnungslose
Menschen zu erfassen. Die erste, umfassendste, ist nur in Basel, beim
Schwarzen Peter, möglich: Man zählt die Personen, die das Postfach
nutzen, weil sie keine fixe eigene Adresse mehr haben. Der Verein
betreibt die Meldeadresse offiziell im Auftrag der Stadt Basel. Das
ist schweizweit einzigartig. Auch, weil viele Städte und Gemeinden
fürchten, dass sie mit so einem Angebot Randständige anziehen würden.

Die zweite Art ist, nur die Personen zu zählen, die eine
Notschlafstelle aufsuchen – und damit die verdeckten Wohnungslosen auf
den fremden Sofas auszublenden. Die Zahlen der staatlich finanzierten
Notschlafstellen lassen darauf schliessen, dass es überhaupt kein
Problem gibt. In der Stadt Zürich zum Beispiel werden seit 2014 jedes
Jahr weniger Übernachtungen registriert.

Die Hochphase der Obdachlosigkeit sei hier längstens vorbei, sagt
Kaspar Niederberger, Bereichsleiter Wohnen und Obdach der Stadt
Zürich. Die Stadt mache heute viel für Bewohner, die ihre Wohnung
verlören und in Not gerieten, sagt er und zählt auf: subventionierte
Wohnungen, Notschlafstellen, begleitete Wohnplätze für Suchtkranke,
betreute Jugendwohngruppen oder Notwohnungen für Familien. Wer das
städtische Angebot nicht nutzen wolle, den könne man nicht dazu
zwingen, sagt er.

Ganz anders tönt es bei den privaten Einrichtungen. Viele private
Organisationen – Mittagstische, Aufenthaltsräume oder Notunterkünfte –
berichten von steigender Nachfrage. Bei ihnen gelten oft weniger
strenge Regeln, sie sind günstiger oder sogar gratis. In Genf baut die
Heilsarmee eine neue Unterkunft mit 90 Plätzen, weil man jeden Tag
etwa 15 Personen abweisen müsse. In Zug, einem Kanton, in dem es
offiziell keine Obdachlosen gibt, eröffnen Private in diesen Tagen
eine erste Wohnung für Obdachlose. Die beiden Gassenarbeiterinnen des
Kantons hatten Private darauf hingewiesen, dass es mindestens ein
Dutzend Personen gebe, die ohne festen Wohnsitz in Zug lebten. Bei der
kirchlichen Gassenarbeit Bern heisst es, man verteile mehr Schlafsäcke
und Gutscheine für Notunterkünfte.

Jeder Millimeter ist belegt

Auch zur wohl bekanntesten Obdachloseninstitution der Schweiz, zu den
Sozialwerken Pfarrer Sieber in Zürich, dürfen alle kommen, auch
Obdachlose aus anderen Gemeinden und Kantonen oder Drogensüchtige.
Sozialarbeiterin Monika Christen öffnet die Tür zum Pfuusbus. Es ist
kurz vor 19 Uhr, bald kommen die ersten Männer und Frauen und
reservieren sich eine der 68 Zentimeter schmalen Matratzen. Christen
hofft, dass sie niemanden abweisen muss. In dieser Woche zählte sie 52
Personen – pro Nacht. Das sind 10 mehr als zu bisherigen
Spitzenzeiten. Man beherberge so viele Menschen wie nie zuvor: Dieses
Jahr komme man bereits Mitte Februar auf 3600 Übernachtungen – das
sind so viele wie im ganzen Winter 2015/16.

Jeder Millimeter des Bodens ist mit den Matratzen belegt, auch dort,
wo normalerweise ein Durchgang ist. «Wir spüren, dass der Flughafen
Zürich seit letztem Herbst nachts keine Besucher mehr duldet», sagt
Christen. Doch das allein erkläre den Anstieg nicht. «Immer mehr Leute
finden in Zürich keine Wohnung mehr», sagt auch sie. Auch hier, im
Auffangbecken für Randständige, ist augenfällig, dass zunehmend
Menschen, die eben noch im System drin waren, ihr Zuhause verlieren.
Wer sich nämlich im Pfuusbus durchfragt, hört nicht nur Geschichten
von Drogenkarrieren und Langzeitobdachlosen. Sondern auch die
Erzählung von Lebensläufen, die am Anfang tönen wie Tausende andere
auch – bis der erste Bruch kommt.

Michael Kümmerlin, 42, trägt einen Lacoste-Pullover und eine
Schirmmütze. Sein Beruf ist Polier, bis vor kurzem leitete er noch
Baustellen-Teams, er ist Vater zweier Söhne. Am Anfang seiner
Geschichte steht eine Trennung, kurz danach kommt der Magenkrebs.
Irgendwann verliert er seine Wohnung, das Krankentaggeld habe nicht
mehr für die Alimente und seine eigenen Fixkosten gereicht, sagt er.
Es folgen Nächte auf den Sofas von Bekannten und Verwandten. Im
letzten Herbst verlässt er seine Heimat in der Zentralschweiz und
kommt nach Zürich. Hier schläft er zuerst draussen, seit November im
Pfuusbus. Im Frühling, sobald er wieder ganz gesund sei, plane er, zu
seinem alten Arbeitgeber auf die Baustelle zurückzukehren.

Für Bruno Häberli, den ehemaligen Hotelier aus Basel, ist das
Provisorium in der Notschlafstelle nun zu Ende. Er hat, mit
Unterstützung der Sozialhilfe, ein Zimmer gefunden. In ein paar Tagen
kann er einziehen. Als die Nachricht eintrifft, lässt er sich die
Haare schneiden und rasiert den Dreitagebart. «Eine Wiedergeburt»,
sagt er.

Armut

7% oder 570 000 Personen lebten 2015 in der Schweiz unter der Armutsgrenze.

2239    Fr. – Eine Einzelperson, die weniger als diesen Betrag für den
Lebensunterhalt zur Verfügung hat, gilt hierzulande als arm.

3984   Fr.  – Eine vierköpfige Familie mit zwei Kindern unter 14, die
weniger als diesen Betrag für ihren Lebensunterhalt zur Verfügung hat,
gilt hierzulande als arm.

Obdachlose Kinder: Wenn Familien ihre Wohnung verlieren

Jeden Abend um 17 Uhr trudeln die Frauen und Männer mit ihren Kindern
beim Luftschutzkeller im Genfer Quartier Les Pâquis ein. Hier betreibt
die Heilsarmee das erste Obdachlosenheim für Sans-Papiers-Familien der
Schweiz. Die Erwachsenen haben den Tag draussen verbracht, manche
Kinder waren tagsüber in der Schule. Die Familien – sie kommen aus
Ost- und Südeuropa, Südamerika oder Afrika – haben keine
Aufenthaltsgenehmigung für die Schweiz. Da sind sie trotzdem. Und sie
sind obdachlos.

Bis vor wenigen Jahren schliefen solche Familien in Genf auf der
Strasse oder in den herkömmlichen Notunterkünften. «Wir wollten nicht,
dass die Kinder jeden Tag mit drogenabhängigen oder psychisch kranken
Menschen in Kontakt kommen», sagt Valérie Spagna, die Leiterin der
Heilsarmee-Obdachlosenheime in Genf. Die Heilsarmee betreibt die
Familienunterkunft nun schon den dritten Winter. Zwischen dem
30. Oktober 2017 und dem 12. Februar 2018 zählte Spagna
147 verschiedene Personen, davon 93 Minderjährige. Der kleinste Gast
ist zwei Monate alt.

Erstmals beteiligen sich dieses Jahr auch die Stadt und der Kanton an
den Kosten. Die Uno-Stadt Genf zieht durch ihre Lage an der
französischen Grenze besonders viele Gestrandete aus dem Ausland an.
In anderen Schweizer Städten gibt es bis jetzt keine Institution
speziell für obdachlose Sans-Papiers-Familien. Gibt es solche
Familien, sind sie deshalb auch nirgendwo sonst so gut sichtbar. Viele
einheimische Familien, die in Genf ihre Wohnung verlieren, leben im
Hotel. Die Sozialhilfe bezahlt die Zimmer, weil es in der Stadt viel
zu wenig günstige Wohnungen gibt. Auch in Zürich und Basel verlieren
jedes Jahr Dutzende Eltern mit Kindern ihr Zuhause.

Bei Familien seien die häufigsten Gründe dafür Verschuldung, häusliche
Gewalt, Bildungsferne, mangelnde Sprachkenntnisse oder
Analphabetismus, sagt Kaspar Niederberger, der Bereichsleiter Wohnen
und Obdach der Stadt Zürich. Gerade für Menschen mit langem
Betreibungsregisterauszug sei es heute fast nicht mehr möglich, auf
dem freien Markt eine Wohnung zu finden. In Zürich müsse keine Familie
auf der Strasse übernachten. Die Stadt betreibt 4 Familienherbergen
mit insgesamt 51 Zimmern.

Pro Familie – mindestens eine erziehungsberechtigte Person und Kinder
– gibt es ein Zimmer, das Bad und die Küche teilen sich alle
Hausbewohner. Das Angebot gilt nur für obdachlose Familien in der
Stadt Zürich. Es ist befristet auf sechs Monate, anschliessend stehen
insgesamt 170 Notwohnungen zur Verfügung. Nach spätestens zwei Jahren
in solch einer Notwohnung müssen die Familien wieder etwas eigenes
finden. Sozialarbeiter, Pädagogen und andere Fachleute unterstützen
sie darin. 80 Prozent aller Familien fänden rechtzeitig ein neues
Zuhause, sagt Niederberger. (ria.)

(https://nzzas.nzz.ch/hintergrund/schweizer-obdachlosen-nimmt-man-kaum-wahr-ld.1358290)