Eiszeit

Thesen zu Rassismus 


I 
Rassismus ist nicht erst da anzutreffen, wo Asylheime angezündet und Ausländer zu Tode gehetzt werden. Rassimus ist im innersten die Praxis, die Position bestimmter Menschen in dieser Gesellschaft aus ihrer vermeintlichen Natur oder natürlichen Kultur zu bestimmen. Ob man ein Gen von Sozialhilfebezügern erfindet, ob man die vermeintliche Faulheit von Schwarzen aus ihrer Kultur erklärt oder ob man die Kriminalität mit einem genetischen Defekt begründet; Rassismus ist die Biologisierung oder – etwas moderner – Kulturalisierung gesellschaftlich produzierter Phänomene und Differenzen. 

II 
Rassismus wird tatsächlich immer wieder benutzt, um die Klasse der Proletarisierten zu spalten und gegeneinander auszuspielen. Aber diese Benutzung erzeugt den Rassismus nicht, sie ist vielmehr darauf angewiesen, dass die rassistischen Denkkategorien bereits bestehen, um darauf zurückgreifen zu können. Man kann den Rassismus also nicht aus dem instrumentellen Verhältnis des Personals des Kapitals zum Rassismus erklären, sondern muss ihn aus der Struktur kapitalistischer Gesellschaft begründen. 

III 
Es wäre ein Irrtum anzunehmen, Rassismus sei nur ein Denkfehler der Rassisten oder entspringe aus Mangel an Information. Vielmehr ist er zentral für die Durchsetzung der Werte und Normen für den kapitalistischen Produktionsprozess und die bürgerliche Gesellschaft. Im Kapitalismus wird dem Einzelnen eine strenge Arbeitsdisziplin aufgezwungen, die er sich einverleiben muss, um in der Konkurrenz bestehen zu können. In dieser Konkurrenz wird jeder gegen jeden geworfen und muss sich beständig gegen die anderen behaupten. Bedürfnisse, die diesem Prozess widersprechen, dürfen nicht eingestanden werden und werden häufig auf vorgestellte Kollektive (faule Schwarze, kriminelle Albaner) projiziert. Indem sich die Bürger über diese vermeintlich Minderwertigen stellen, finden sie ihre Identität als produktive Mitglieder der nationalen Gemeinschaft. 

IV 
Der Staat spielt eine wichtige Rolle in diesem Zirkus. Indem er in verschiedene Sorten von Untertanen sortiert – die von der Struktur der kapitalistischen Gesellschaft hervorgebracht werden –, erzeugt er materielle gesellschaftliche Kategorien auf die das rassistische Bewusstsein zurückgreifen kann. Wer sich als nützliches Mitglied der nationalen Gemeinschaft bewährt hat, wird oftmals mit einigem Wohlgefallen beobachten, wie sein Staat schädliche Elemente wie «falsche» Asylbewerber abschiebt und wie er den Faulen und Kriminellen mit Strafen und Sanktionen beikommt. 

V 
Rassismus richtet sich gegen unten. Er ist ein Machtverhältnis, welches auch innerhalb der Klasse wirkungsmächtig ist. Er schafft nicht die Spaltung der Klasse, sondern er stützt sich auf und bestärkt bestehende Spaltungen, die sich entlang der ökonomischen und politischen Struktur entwickeln. Daraus zieht er seine Kraft, sie sind seine materielle Basis. Rassismus ist nicht primär eine Frage falschen Bewusstseins, sondern das falsche Bewusstsein entsteht aus der hierarchisierenden Spaltung. Der Rassismus wird nicht mit antirassistischen Kampagnen erfolgreich bekämpft werden. Die rassistischen Spaltungslinien werden nur aufgeweicht im Kampf gegen die materiellen, realen Differenzen in der Zusammensetzung der Klasse. Ein Antirassismus als blosse Beanspruchung des Rechts auf abstrakte Gleichheit wird folgenlos bleiben.


von Eiszeit: www.eis-zeit.net